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Liberales Judentum · 1921-04-01 · Heft 4-6 (April 1921) · p. Seite 29

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 4-6 (April 1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 29 (sequence 13)
Language
German
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Mitgliederversammlung d. V. D. k R. D.: Dienemann, das Irrationale 'telltes Gebilde betrachtet, als die Summe ^on Wertungen, Anschauungen, Gefühlen und ällenskundgebungen, die in den verschiedenen Hasen, die .die jüdische 'Glaubens-, Stamms- und Schicksalsgemeinschaft durchschreitet, -ach Ausdruck ringen. Es ist der Versuch,. >ie Juden von heute aus der Gesetzlosigkeit und Willkür der Gestaltung ihres religiösen Lebens herauszuziehen. Und es ist die Art, Judentum nicht zu betrachten nur als die Summe von Vorschriften^ denen man. gehorsam zu sein hat, also , als das Gehen eines gebahnten und umhegten Weges sondern vielmehr als das Gehen eines Weges, den man sich selbst sucht und bahnt, als die Erfüllung einer persönlichen Sehnsucht, als ein ewig sich erneuerndes Sich-in-Ver.bindung-setzen mit Lehre und Geschichte in Israel. Was aber ist das Irrationale? 2m Grunde genommen kann man es beinahe nicht definieren, denn definieren heißt, seinen Verstand, den zergliedernden und ordnenden, walten lassen. Definieren heißt, die Sprache gebrauchen, und in der Sprache waltet ja stark ein Rationales. Immerhin versuchen wir es. Das Irrationale ist alles, was in den Seelen der Menschen lebendig ist, ohne daß wir es als Beobachter vernunftgemäß erklären können, otzne daß es zu seiner eigenen Legitimierung sich zu beweisen für nötig hält; es ist die Gesamtheit dessen in unseren Seelen, was sich selbst als gegeben hinnimmt, was ' sich jenseits aller Aeberlegung und vor allem Wirken als vorhanden betrachtet und sich, weit es sich nicht von einer Aeberlegung, also von einer Wahl, kontrolliert und abhängig fühlt, als bestimmend empfindet. Irrational ist die Summe alles dessen, was in der Seele des Menschen sich als souverän ansieht. Es bleibe dabei zunächst dahingestellt, ob diesem Irrationalen ein Recht und welches zuzumessen ist. Ich Persönlich messe ihm ein Recht zu, aber ich sehe auch die stärken Gefahren, — Rassentheorie zum Beispiel und Nationalismus sind ja nur der folgerichtige Ausdruck der Anerkennung d^ Irrationalen; von. den Gefahren im Religiösen im engeren wird später zu reden sein, — darüber könnte man unermeßlich debattieren und könnte es doch nie rbsolut sondern nur aus seiner Subjektivität jeraus beantworten. Aber ob der Einzelne inter uns dem Recht des Irrationalen zutimmt oder nicht, ist gleichgiltig. Tatsache ist. es ist ein Charakteristikum unserer Zeit, daß. dieses Irrationale bestimmend ist, daß man nicht wie in der Epoche vorher zu den letzten Fragen Stellungnimmt auf Grund von. Aeberlegung, Nachdenken, Berechnung, v Erklärung, wissenschaftlicher Durcharbeitung, überhaupt nicht aus dem Willen nach Klarheit sondern aus dem Dunklen, Triebhaften, Anerklärbaren, Mystischen heraus; wenn das Wortspiel gestattet ist, aus der Voraussetzung heraus, daß es Voraussetzungen in der Seele gäbe, aus denen man urteilt, denkt und will^ Nun wird man fragen können, ob es nicht für diese Voraussetzungen eine Grenze gibt und wo sie ist, das wird vielleicht in dreißig Jahren eine sogenannte neue Erkenntnis sein. Heute aber ist es so, daß dieses Triebhafte, 'Dunkle als Macht und bestimmend anerkannt wird, daß anerkannt wird, daß die Menschen danach denken und handeln und werten. Einer der schlagendsten Beweise in unserer Mitte dafür ist der Zionismus, der ja völlig aus dem Gefühlsmäßigen herauswächst, und daneben der ganze erfreuliche positive Zug, der in unserem Geschlecht sich in der Richtung auf das Jüdische bemerkbar macht, und der, wenn man die Frage stellen würde, wieso er im Gegensatz zum vorausgegangenen Geschlecht entstanden ist, aus der Vernunft allein nicht zu erklären ist. And wenn es nun richtig ist, daß das Wesen des liberalen Judentums darin besteht,, daß es eine Entwickelung anerkennt, daß es das Judentum als Produkt wechselnder Zeiten betrachtet, so wäre die Verbindung des Irrationalen mit dem liberalen Judentum, darin gegeben, daß man sich dieser Macht bedient, nicht etwa daß man sich ihr unterwirft sondern daß man sich ihrer bedient, sie benutzt zur Ausgestaltung des Judentums. Was war das Charakteristikum der klassischen Epoche der Reform? Der Wille, das Judentum rational, vernunftgemäß zu erklären und zu ordnen, der Gedanke, es genüge einx wissenschaftliche Erkenntnis von einer Sache/ um sie dieser Erkenntnis entsprechend zu regeln, es genüge eine Einsicht in das Werden und Gewordensein einer Einrichtung, um sie als Menschenwerk selbständig zu regeln. Was fehlte, war eine tiefere Einsicht in eben jenes Anaussprechbare, das in den Seelen lebt und das--als bestimmend oder doch mitbestimmend wirkt ohne Rücksicht aus rationale Erkenntnis. Was fehlte-, war die

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