Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 4-6 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Mitgliederversammlung d. V. d. l. R. D.: Dienemamr, das Irrationale knüpften, aber von dem Theoretischen ging man alsbald zur Gestaltung der Praxis über. Wie soll man das Gebetbuch gestalten, welche Sprache des Gebets ist heute notwendig oder empfehlenswert, welche Gebete sind hebräisch und welche deutsch zu beten, wie ist praktisch die Sabbathheiligung auszugestalten, was ist. von den jüdischen Ehegesetzen verbindlich und was nicht, tyas ist zeitgemäß fortzubilden und umzugestalten, welche Notwendigkeiten des praktischen, religiösen Lebens ergeben sich aus dem Hineingestelltsein in den modernen Staat und die moderne Volkskultur? Das waren Fragen, die in früheren Tagungen gestellt wurden und mit starker und ernster wissenschaftlicher Vertiefung erörtert wurden, so ernst, daß wir beschämt davor stehen und das Haupt senken wegen unserer Lässigkeit oder wegen unseres Mangels an Vertiefung. Zu einem Teil gingen wir selbst ja auch in dieser Bahn, als ein großer Teil von uns den Versuch machte, .eine Form heutigen jüdischen Lebens in den Richtlinien zu organisieren. Dem gegenüber muß -das, womit wir heute diese Tagung eröffnen, als ein Abstieg, als ein leeres Gerede erscheinen, als ein Gerede um religiöse Fragen ohne augenblicklichen sichtbaren Zusammenhang mit dem praktischen Leben, das doch im letzten das einzige Wichtige im Religiösen ist. Aber wir müssen anerkennen, daß uns beinahe ein anderes zu tun nicht übrig bleibt. Schon bei den Liberalen der klassischen Zeit war es so, daß ihre Tat praktisch in vielen Dingen unwirksam , blieb. Man kann konstatieren, daß von all ihrer Tätigkeit im Praktischen im Großen und Ganzen als Kennzeichen des Liberalismus nur das eine übrig blieb, daß sich in Gemeinden gewisser Richtung ein annähernd einheitlicher Ritus heraüsgebildet hat. Sie werden selbst wissen, meine Herren Kollegen, mit wieviel Einschränkungen auch eine solche Feststellung noch zu begleiten ist. Bei der Einheitlichkeit sind noch ungezählte örtliche Verschiedenheiten, und zudem ist das ganze Rituswesen eine gewisse Täuschung. Es ist wohl ein liberaler Ritus da, aber er schwebt in der Luft, es sind nicht allzuviele, die ihn benutzen. Es - gelang wohl, eine Einheitlichkeit und neue Form der unterrichtlichen Erziehung zu schaffen, aber sie hat Gott sei Dank, aufgehört, ein Kennzeichen des Liberalismus zu sein, und daneben ist sie ungenügend und des Zusammenhangs mit dem Haus entbehrend. Es gelang nicht, eine Einheitlichkeit zu schaffen in der Ausgestaltung des jüdischen Lebens im ganzen. Die Ehegesetze konnten nicht ausreichend fortgebildLt werden, die Frage der Speifegesetze entzog sich nicht nur der Regelung, sondern ment ging , ihrer Erörterung . peinlich aus dem Wege. And dabei hatten jene Klassiker des religiösen Liberalismus vor uns noch eines -voraus. Sie hatten wenigstens Mengen hinter sich, hatten ein Publikum, das immerhin noch genug jüdisches Wissen hatte, um ihre Schriften und Forderungen mir durchzudenken . und zu prüfen,- das auf sie horchte und sich führen lassen wollte, soweit nicht-orthodoxe Juden überhaupt zur Führung geeignet sind, wir aber, wir haben es ja bei den Richtlinien gesehen, daß unsere eigene Gefolgschaft nur in unserer 2dee^ vorhanden ist, daß wir namensmäßig Anhänger haben, in denen aber ein Wille nicht vorhanden ist. Wo er vorhanden ist, bewegt er sich entweder in eineranderen Richtung als wir sie wünschten, in einer ganz radikalen, und wo dieser nicht da ist, ist ein Motiv überstark in den Seelen: Feigheit, die Sucht, nur ja nicht bei der Orthodoxie Anstoß zu erregen. Wenn unsere- Vorfahren vielleicht in der Methode fehl gingen, — wir werden sehen, ob und inwieweit sie es taten, — so arbeiteten sie mit untauglichen Mitteln an einem tauglichen Objekt. Wir aber arbeiten an einem untauglichen Objekt. Vielleicht ist das Objekt aber gar nicht so untauglich, vielleicht verstehen wir nur die, Seelen unserer Zeitgenossen nicht, vielleicht ist es notwendig, erst einmal 'aufs Neue, unterzutauchen in die Seelen, denn wer führen will, muß die Seele der zu Führenden kennen, nicht um sich ihr an3upaffeit, sondern üm die in ihr wirkenden Kräfte zu benutzen und aufs Ziel zu lenken. Einen ganz schwachen Beitrag dazu mögen die kommenden Erörterungen bilden. Wir wollen uns klar werden über „das Irrationale und seine Bedeutung für das liberale Judentum." Versuchen wir vorerst einmal die Begriffe zu klären. Was liberales Judentum ist, wissen wir und werden wir uns rasch wiederholen können. Es istdiejenige Auffassung des Judentums, die es nicht als starres, ein für allemal giftiges Gebilde hin», nimmt, sondern es als ein in die Zeit hinein.