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Liberales Judentum · 1921-04-01 · Heft 4-6 (April 1921) · p. Seite 27

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 4-6 (April 1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 27 (sequence 11)
Language
German
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-.-:-;-----;-:-1- Mitgliederversammlüng d. V. d. l. R. D.: Dienemann, das Irrationale 27 nicht das schlimmste. Schlimmer war das Versagen der Liberalen selbst. Viele unter uns liberalen Rabbinern fühlten sich von der Vereinigung, die sich nicht auf die Richtlinien verpflichten wollte, verlassen. Die Posener Resolution war keine begeisterte Zustimmung, kein freudiges Bekenntnis und Sichscharen um die religiösen Führer, sondern ein kühler, abgewogener Kompromiß, der nichts bejaht und nichts verneint und dem vor allem das . ethische Pathos des Bekennertums ab- Zeht. Die Folge dieses Versagens der eigenen -Gefolgschaft war Groll und Bitterkeit bei vielen unter Ihnen. .Sie Hattep das Gefühl, man ließ uns im Stich. Und das Verhalten man-, cher sich liberal nennenden. Gemeinde gegen die Anstellung liberaler Rabbiner, die sich .zu den Richtlinien bekannt hatten, gab unserer Bitterkeit neue Nahrung. Aber sollen wir, weil nicht alle Blütenträume reiften, unser Werk verleugnen oder uns grollend vom Liberalismus selber oder den liberalen Laien abwenden. War es nicht ein Irrtum, den wir selbst begangen hatten, -als wir wähnten, die liberalen Massen für das Theoretische unseres Programms oder für unsere auf eherechtlichem Gebiete liegenden Sorgen und Kämpfe interessieren zu können? Und was die religiöse Praxis betrifft, war es nicht ein durch nichts gerechtfertigter Optimismus, wenn wir uns der Hoffnung Hingaben, eine neue Lenssetb haggedolali in diesen an religiöser Begeisterung armen Zeiten in's Leben rufen und die Indifferenten im Sturm fortreißen zu können? Wollen wir. uns da wirklich schmollend en unser Schneckenhaus verkriechen und unsere Verbindung mit der liberalen Iudenheit lösen? Meine verehrten Herren Kollegen? Als der Kampf um die Richtlinien hier in Frankfurt am heißesten wogte, da habe ich von der Kanzel zu meiner Gemeinde und zu allen, die es drinnen und draußen hören wollten, gesprochen, daß es der heiße Drang unserer Seele war,- „eth achai anochi me- -wakesch unsere Brüder zu suchen." Wir Über ralen Rabbiner haben es nie leicht gehabt; nicht auf die Gefolgschaft der Massen konnten wir uns stützen, nicht uns tragen lassen von d'er bequemen Gunst der' Zeit. Hin jede Seele ' der Entfremdeten müssen wir ringen, um jedes Haus, um jedes Kind, das uns verloren zu gehen droht. Wir stehen auf vor-, geschobenen Posten, wo es gilt, jeden Nerv zu spannen und unablässig durch zähe, nie - ermüdende Kleinarbeit in Schule und Iu- _ gendvereinen, auf der Kanzel und im Gemeindeleben „unsere Brüder zu suchen." Ein mächtiges Gefühl der Verantwortung muß uns ausharren lassen, trotz vielfacher Enttäuschung. Mögen sie uns ruhig Träumer nennen. Auch Joseph, als er ging, seine Brüder zu suchen, wurde als Träumer verhöhnt. And doch wurden seine Königsträume Wahrheit. So werden auch unsere Königsträume von prophetischem Judentum den Tag der Erfüllung erleben. Dann wird auch unser Tag kommen. Es ist eine alte Wahrheit^achare mos kedoschim.“ Eine Sache muß erst die Patina des Alters tragen, ehe sie anerkannt wird. Heute schon schart sich das amerikanische Judentum um die Beschlüsse der Rabbinerversammlungen und Synoden. So wird auch der Tag der Richtlinien kommen, zu denen wir uns mit all dem Bekennermut, mit all der tiefen Liebe zum Judentum, mit all dem Optimismus bekennen wollen, aus dem sie geboren wurden als „Träumer prophetischen Iud e n - t ums." Alraun erhält Rabbiner Dr. Dienemann-Ofsenbach das Wort zu seinem Vortrag: „Aöber die Bedeutung des Irrationalen für das liberale Judentum." Meine sehr verehrten Amt s b r ü d e r, werte Gäste? Meinen Ausführungen möchte ich das bekannte Wort des Talmuds vorausschicken: „Wenn die Früheren Engel waren, sinv wir Menschen, wenn die Früheren Menschen waren, sind «wir höchstens Esel." Nicht in dem Sinne, daß wir etwa minder, berechtigt wären, unsere Zeitgenossen zu führen, aber in einem anderen Sinne. Denn es ist ein Anderes, was wir heute tun und Anderes, Praktischeres, Eindringlicheres, Gelehrteres und Gründlicheres, was die Alten taten. Wenn sie in den Blütejahren der Reformbewegung zusammenkamen, waren es zwar auch theoretische Erörterungen, von denen sie aus-- gingen, Erörterungen, die an gewisse Linien der allgemeinen geistigen Entwicklung an-

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