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Liberales Judentum · 1921-04-01 · Heft 4-6 (April 1921) · p. Seite 26

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 4-6 (April 1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 26 (sequence 10)
Language
German
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26 Mitgliederversammlüng d. £>. b;. X R. D.: Eröffnungsansprache religiös-liberale Aufschwung der letzten fünfündsiebzig Jahre wird durch ein katastrophales äußeres Ereignis gehemmt, und schwellende Frühlingshoffnungen werden frühzeitig begraben. So wars mit den RabbinSversammlungen der Jahre 1844—46, denen die politischen Wirren, die der Revolution von 1848 vorausgingen, ein frühes Ende bereiteten. So wars mit den Synoden von 1869 und 70, deren Fortsetzung die politische Umwälzung nach dem deutsch-französischen Kriege hemmte. So war es wiederum mit unserer eigenen großen liberalen Bewegung. . Wie sahen wir mit hochgespannten Hoffnungen der Tagung der Vereinigung für das liberale Judentum im Herbst des Jahres 1914 entgegen! Line große internationale Kundgebung sollte es werden. Aus Amerika, aus Südafrika, aus den englischen Kolonien, aus fast allen europäischen Ländern, England, Frankreich, Italien, Oesterreich-Angarn, den Balkanländern, Rußland, Schweden, Dänemark hatten Dele"- gierte ihr Erscheinen zugesagt oder in Aussicht gestellt. Da brach die Katastrophe des Weltkriegs herein unö zerriß alle Fäden internationaler Vereinigung. Der große Menschheitstraum ist wieder einmal ausgeträumt. So kam es, daß wir uns heute zum erstenmal wieder zu einer Mitgliederversammlung der Vereinigung der liberalen Rabbiner - Deutschlands seit jener denkwürdigen Tagung zusammengefunden haben, auf welcher — auch hier in Frankfurt — die Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum beschlossen wurden. Und so haben wir uns heute, nach neun Jahren, Rechenschaft zu geben über unsere heutige Stellung zu diesen Richtlinien und über das was seitdem geschehen ist. Rechenschaft über die Motive und Wirkungen dieser Richtlinien. ' ' Was waren die' treibenden Kräfte zu dieser Kundgebung? Was hat damals die schöne Begeisterung geschaffen, die uns alle, die wir dann die Richtlinien unterschrieben haben, fortgerissen hat? Und wie kam-'s, daß nicht alle Blütenträume reiften? Drei Motive waren es insbesondere, sofern ich die Dinge recht sehe, die uns zu unserem Werk trieben. Vor allem der Drang nach Positivismus. Seit hundert Jahren warf man dem liberalen Judentum vor, daß es sich in Negation und Kritik erschöpft und noch nie zu einem positiven Programm gebracht habe. Aber nicht dieser von außen kommende Vorwurf war das Entscheidende. Wir selber wollten uns Rechenschaft geben über die Zulänglichkeit der positiven Kräfte des religiösen Liberalismus im Judentum. Statt der individualistischen Willkür wollten wir einen Damm aufrichten gegen die auflösenden Kräfte und versuchten die nicht-orthodoxe deutsche Iudenheit auf ein Minimalprogramm zu einigen. Minimalforderungen sollten die Richtlinien bedeuten,--Minimalforderungen an den Einzelnen wie an die Gesamtheit. . Das. zweite waren die Schmerzen, die wir Rabbiner allein fühlten. Das non possumus der Ehegesetze schuf Familientragödien, die niemals im Sinne selbst des orthodoxesten Judentums lagen. Ich brauche nur an das Wort„agunah“ 31t erinnern, imi Ihnen in Erinnerung zu rufen, um was es sich handelte. Das Leben ging über das jüdische Ehegesetz hinweg. Die Einführung her standesamtlichen Trauung und gerichtlichen Eheschließung stellte die Rabbiner vor neue Probleme, die gelöst werden müssen — mjt, und wenn nicht mit, dann ohne die Rabbiner. Das dritte Motiv endlich war der leidenschaftliche Drang, die abseits stehende deutsche Iudenheit wieder für das religiöse Judentum zu gewinnen, indem ihnen das Judentum von einer Seite und in einer Weise gezeigt wurde, daß sie ihm ihre Herzen und ihre Häuser wieder öffnen, daß sie ihm ihre Kinder wieder zuführen sollten. Der Tag hon . Posen sollte ein großer Bekenntnistag zum liberalen Judentum werden. Viele unter uns erwarteten von der Persammlung in Posen etwas ähnliches wie etwa die Keneseth haggedolah, die große Versammlung zu Jerusalem unter Esra und Nehemia für das Judentum des zweiten Staatslebens gewesen war. Was ist aus all diesen großen Erwartungen geworden? Was war die Wirkung unserer Richtlinien? Bei der Orthodoxie ein künstlich aufgepeitschter. Sturm, der uns in einen Abgrund mittelalterlicher Intoleranz schauen ließ. „Es gibt Leute," so sagte einmal Joel, in Breslau, „die ein nicht beneidenswertes Talent zum Haß auch gegen das friedlichst Gemeinte haben." Aber das war

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