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Liberales Judentum · 1921-03-01 · Heft 1 (März 1921) · p. Seite 10

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 1 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Rabbiner Dr. Dienemann-Gffenbach machst sei in aller Ruhe festgestellt, daß auch sie im Banne Kants stehend jenen weg der Gleichsetzung des Sittlichen mit dem Religiösen 3 m l9- Jahrhundert gegangen ist. . Wie das Judentum niemals außerhalb des Zusammenhanges mit dem allgemeinen Zuge des Geistes und des Denkens stand, wie es in allen Geschlechtern und Jahrhunderten seine Kraft -darin gesucht und gefunden hat, die Ideen der .Zeit in sich aufzunehmen und sie nutzbar zu machen zur Befestigung und Vertiefung des eigenen Erbes, so hat es bis hart an die Schwelle unserer Tage sehr stark unter dem Einfluß Kantscher Gedanken und Werbungen gestanden. Und das in allen Lagern, in der Orthodoxie und im Liberalismus. Unbewußt unter den Kant'scheu Gedankengängen stehend hat man in der Orthodoxie der Linie folgend, daß das Judentum eine Religion der Tat ist, alles Schwergewicht auf die Reinheit und Korrektheit der frommen Uebung gelegt, hat man in nichtorthodoxen Kreisen soviel Schwergewicht auf die sittliche Tat gelegt, daß sie zum Inbegriff des Religiösen wurde. Ulan chatte dabei allerdings die besten Vorbilder an den Propheten und ihrer predigt von der Sittlichkeit als dem unentbehrlichen Begleiteraller Religion. Aber wer wollte leugnen, daß nicht dabei mitunter ein wenig zu viel des Guten getan wurde und die Menschen zu zahlreich wurden, die in Gott heinahe nur ein anderes Wort für das sittliche Prinzip sahen und meinten, man sei schon Jude im Vollsten, wenn man ein sittlich handelnder Mensch ist? Man vergaß darüber — nicht bei den Führern Und nicht überall aber doch oft — zu fordern, daß man in der Seele ein frommer Mensch fein soll, daß man Ehrfurcht vor der Lenkung der Welt haben soll, daß man im Innersten demütig und gottverbunden sein soll, daß man ein inneres Verhältnis zur Welt und zum Leben haben müsse, daß man nicht alles erklären und meistern dürfe, kurzum mit einein Worte, daß man ein religiöser Mensch sein muß. Wenn uns hier das Buch für manches zu Fordernde und Wichtige das Auge wieder öffnet, sagt es uns zwar an sich nichts Neues, denn das ist ja im Grunde die Erkenntnis, die wir von jeher hatten, aber man muß auch dem dankbar sein, der einem zur Wertschätzung und Wiederen deckung und Vertiefung seines Eigenen behilflich ist und hinein den Blick für seinen Besitz schärft. a. M.:. Neue Wege der Theologie , wie gut täte 'ejsi z. B. manchem, die Worte nachzulesendie, Otto (S. 79) über den Reiz sagt, „den eine halb oder ganz unverstandene Kultsprache hat und über die zweifellos tatsächliche Steigerung der, andächtigen Scheu - durch sie." Gar zu viele gehen bei uns an die Erörterung der um die hebräische Gebetssxrache sich herumrankenden Fragen einzig und allein mit der rationalistischen Denkweise, ob man glauben könne, daß Gott die eine oder andere Sprache minder genehm sei und ob es religionsgesetzlich erlaubt sei, anders als hebräisch zu beten, Daß hier ein geheimnisvolles und unerklärbares Gefühlsmoment mitschwingt, begreift man zu selten, und doch wäre von ihm, und von ihm nicht bloß nebenher, auszugehen. Für den, der die modernen Auseinandersetzungen zwischen Judentum und Lhristentum überschaut und erkennen gelernt hat, daß das Mysterium der Sündenerlösung das Unterscheidende des Thristentums gegenüber dem Judentum ist, ist es besonders interessant zu lesen, wie hier in einem ganz modernen Büche wieder einfach und bewußt das Mysterium des Sühnebedürfnisses, das Geheimnisvolle, mit dem Gott sich als Mittel der Entsühnung darbringt, als das Grundlegende im Lhristentum bezeichnet wird. Das jüdische Bewußtsein richtet sich an solchen Ausführungen immer wieder aufs Neue zu-seiner Eigenartigkeit und Selbständigkeit auf. Es soll dabei nicht gesagt werden, daß man die Thesen des Buches ohne Weiteres allsamt annehmen -solle. Um ein besonderes hervorzuheben, es mag sein, daß einstens in vorzeittagen an der wiege der Religion Furcht der Ausgangspunkt war; daß aber nun in alle Ewigkeit ein Stück Fürchten zum Wesen und Anfang des Religiösen gehören solle, ist zu bestreiten. Darin ist ja eben der Fortschritt zu suchendaß man über gewisse Gefühlsmomente der primitiven Hinauswächft, und für uns heutige wird viel eher der Satz Giltigkeit haben, daß wo im Religiösen Furcht mitschwingt, das Tor zum Aberglauben aufzuspringen droht; das ist für uns Heutige dasjenige was Gottesglaube vom Heidentum scheidet, daß im Heidnischen die Furcht das Begründende ist und im Gottesglauben die Furcht durchaus überwunden sein muß. Man denke z. B. an das Wort Iochanan ben Sakkais (in Mischnah Sotah V, 5), daß Hiob , seine«

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