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Liberales Judentum · 1921-03-01 · Heft 1 (März 1921) · p. Seite 9

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Journal
Liberales Judentum
Volume
13 (1921)
Issue
Heft 1 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Rabbiner Dr. Dienemantt-Gffenbach a. M.: Neue Wege der Theologie A ist in knappster Kürze ausgedrückt — Folgendes: Ls ist irrig, mit dem Begriff des „tseiligen" einzig und allein das Sittliche zu verbinden, das eigentlich Religiöse ist jenes über die sittliche Tat hinausgehende Gefühl der Scheu vor dem Geheimnisvollen in der Welt, vor dem über menschliches Können und menschliche Macht Hinausragenden. Das Sittliche ist zwar die reife Frucht der Religion aber doch eben nur die Frucht, und das Grundlegende der Religion'.ist die Scheu vor dem Unfaßlichen. Ja, es ist nicht bloß die Scheu vor dem Unfaßlichen und Uebermächtigen, was das Wurzelhafte der Religion und des Religiösen ausmacht, sondern — meint Mtto man kann geradezu das Gefühl der Furcht und des Schauderns als den Ausgangspunkt und als etwas notwendig in allem Religiösen Mitschwintzendes befrachten; so sehtut er es, daß er zum Motto seines Buches die Verse aus dem Faust wählt: „DaS Schaudern ist der Menschheit bestes Teil. Me auch die Wett ihm das Gefühl verteuere. Ergriffen fühlt er Lief das Ungeheuere." . Was hier, in gedrängter Kürze, im Knappsten als Grundgedanke des Buches wiedergegeben ist, das ist dort in Breite und Ausführlichkeit dargelegt, zwar mitunter in einer Sprache, die viel eigene und fremdartige Ausdrücke für das Reue der Darstellung und Zielsetzung hat, ab'er doch in einer Form, die, das Buch zu einem Gegenstand lebhafter Anregung für jeden religiös Interessierten macht, — es sei daher nachdrücklichst zur Lektüre empfohlen, auch bei mancherlei Ablehnung wird es viel Anregung bieten und zum-Nachdenken reizen. In der Tat gibt es mit den Gedanken, die es anschlägt, jedem vieles. In der protestantischen Theologie zunächst bedeutet es wie gesagt einen neuen Weg. Kants Neubegründung des Religiösen in der sittlichen Tat hatte alle in ihren Bann gezwungen und hatte dazu geführt, daß man im sittlichen Handeln die Summe und den Inbegriff der Religion erblickte; unzweifelhaft hat das den Weg geebnet zur Ueberwindung des Dogmas, insbesondere des christologischen, hat den Ausgleich ermöglicht zwischen Religion und dem anti- oder areligiösen naturwissenschaftlichen Denken, aber es hat unleugbar zugleich die Religion nüchtern und schwunglos gemacht und eine Bahn geebnet in die Geringschätzung. der historischen positiven Religionen, ins Ueberkonfessionelle und verwaschene. Daß hier nun eine Umkehr gepredigt wird, eine neue- Auffassung der Religion gegeben wird, die dem Wesen der Religion gerechter wird, ist der bestechende Vorzug des Buches. Uns interessiert aber an ihm doch vornehmlich die Rückwirkung auf die jüdische Theologie und auf die christliche Auffassung, vom Judentum. In dieser nun vollzieht sich da ein überraschendes Wunder. Wir Juden haben jahrelang mit heißem Bemühen und eigentlich ohne sonderlichen Erfolg gekämpft gegen die absprechende Wertung des biblischen Wortes vom Zorne Gottes, gegen jene Rede, die in diesen und ähnlichen Worten eine mindere Auffassung vom Wesen Gottes feststellen will und darum das Judentum unter das Christentum stellt, wir haben alle möglichen Gründe gegen jene Rede und für das Berechtigte des biblischen Ausdrucks ins Feld. geführt, haben ihren inneren sittlichen Wert aufzuzeigen versucht und die Erkenntnis ihrer Bedeutung und ihres sittlichen Wertes vertieft. Genutzt hat es nicht viel, überzeugt hat man kaum jemand, man hat sogar mit Üebelberatenen und Geblendeten in den eigenen Reihen zu tun gehabt, die von der absprechenden Wertung der christlichen Theologie in ihrer eigenen Schätzung des Judentums sich beirren ließen. Und nun kommt ein Führender und Bahnbrecher in der protestantischen Theologie, ein Suchender und Ringender, ein von heißer Menschenliebe Erfüllter und erschaut in jenen Worten und in der nach seiner Meinung ihnen zu Grunde liegenden Urgefühlen das wahre, das eigentliche, das vorbildliche Wesen des Religiösem Eine bessere Rechtfertigung unserer Bibel könnten wir uns nicht wünschen. Wahrhaftig,, inan muß nur warten können und nich vor Angriffen nervös werden, am Ende ringt sich Wahrheit doch immer durch, Herzerfreuend für jeden Juden ist die Art,. wie der Verfasser das Ehrfurchtsvolle, das Demüttge, mit einem Worte das Religiöse in den jüdischen Gebeten, insbesondere in bestimmten Neujahrs- und Versöhnungstagsgebeten erkennt und nachempfin^et. Aber nicht bloß für die Auffassung vonr Judentum ist das Buch interessant, es bietet auch direkt manche Anregung für die jüdische? Theologie selbst auf ihrem eigenen Wege. Zu-

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