Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 1 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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ß Eduard Baerwald-Frankfürt a. M.: Die Gesamtorgamsation der deutschen Juden l zesnen Gemeinden Spielraum lassen soll. Die Anträge der Zionisten wollten erreichen, daß die Verfassung der Linzeigemeinden in grundsätzlicher Beziehung vom Bund geregelt wird und daß sämtliche ihm angehörenden Gemeinden eine Gemeindevertretung haben müssen, die aus Wahlen aller volljährigen Gemeindeangehörigen hervorgeht. Hiergegen mußte — und zwar nicht nur wegen der technischen Bedenken, die sich aus den noch in Äraft befindlichen Landesgesetzen ergeben, — sondern auch ans grundsätzlichen Erwägungen heraus Einspruch erhoben werden. Es - wäre im höchsten Maße bedenklich, wenn die Selbständigkeit der einzelnen Gemeinden zu sehr durch die Verfassung des Bundes beengt und wenn ihr Leben zu stark vom Berliner Mittelpunkt aus gleichmäßig geregelt würde. Es ist eiin guter jüdischer und gleichzeitig ein liberaler Gedanke, dem Mrtsgebrauch innerhalb der einzelnen Gemeinden sein Recht zu lassen. Zudem hätte die Annahme der ziomstischen Vorschläge dazu geführt,, daß eine Reihe von Gemeinden in Sachsen und in Westdeutschland, in denen die Ausländerfrage eine erhebliche Rolle spielt, dem Werk ihre Zustimmung, versagt hätten. Demgemäß hat „ eine überwältigende Mehrheit den Gedanken, die, Hoheit des Bundes auch auf die Verfassung der einzelnen Gemeinden auszudehnen, abgelehnt. Im unmittelbaren Zusammenhang mit dieser Frage stand diejenige des Wahlrechts zum Bundestage, der in direkter Wahl nach - dem f)roportionalsystem gewählt werden soll. Bier waren es insbesondere die sächsischen Vertreter, die gegen die Verleihungdes Wahlrechts an Ausländer Einspruch erhoben, weil beispielsweise in Leipzig unter rund 20 000 Juden sich 16 000 Gstjuden befänden und weil in Ehemnitz der Prozentsatz der Ausländer ein noch stärkerer sei. Für den Liberalismus durfte die Entscheidung nicht schwer fallen. Es wäre kleinlich und unduldsam, wenn er den Ostjuden — wie viele von ihnen haben unter dem alten Regime trotz aller Gesuche die Reichsangehörigkeit nicht erwerben können! — das Wahlrecht zum Bundestag verweigert und wenn er sie ebenso zu Juden zweiter Masse gestempelt hätte, wie andere Ausländer, zum Beispiel in Deutschland wohnhafte Amerikaner, die wir in Frankfurt von jeher mit Stolz zu den besten Mitgliedern der Gemeinde gezählt haben. Ein von Frankfurt ausgehender Antrag, der das aktive und passive Wahlrecht zum Bundestag allen volljährigen in Deutschland wohnhaften Juden beiderlei Geschlechts gewährt, die mindestens ein Jahr vor Auslegung der Wählerliste ihren Wohnsitz innerhalb einer Bundesgemeinde gehabt haben, fand schließlich einmütig Annahme. ... Für die bei den Vorbesprechungen zum Ausdruck gelangte Ansicht, daß die Wahl zum Bundestag sich nicht direkt, sondern auf der Grundlage eines Filtriersystems durch Abordnung von Vertretern der einzelnen Gemeindebehörden vollziehen solle, erhob sich in der Plenarversammlung keine.Stimme. Mit überwältigender Mehrheit billigte sie in dem Rat, der die laufenden Geschäfte zu erledigen hat, neben den Vertretern der Rabbiner auch zwei Abgeordneten der Lehrerschaft Sitz und Stimme zu. . Lebhafte Erörterungen, insbesondere unter den Vertretern der konservativen Richtung brachten Anträge der äußersten Rechten, die das Frauenwahlrecht — soweit Ausschüsse konservativer Richtung in Frage kamen — begrenzen und die das Abordnungsrecht der Vertreter der Rabbinerseminare anderweitig regeln-wollten. Schließlich gelangte man in später Abendstunde zur Annahme des Entwurfs. Der klugen Zurückhaltung der Zionisten und der entgegenkommenden Erklärungen der sächsischen Gemeinden darf rühmend gedacht werden. Rur wenige Orthodoxe widersprachen in der Gesamtabstimmung. Vielleicht wäre es — wenn ihre Wünsche nicht in letzter Stunde hervorgetreten wären — möglich gewesen, auch zu ihnen eine Brücke zu bauen; nun muß abgewartet werden, wie sich das Zusammenarbeiten mit den Herren von der separatistischen Orthodoxie gestalten wird. Trotz allem war es eine gute Stunde, als der Vorsitzende verkünden konnte, daß der Gemeindebund zur Gesamtorganisation der Deutschen Juden umgewandelt worden sei. Der Liberalismus darf mit dem Erreichten zufrieden sein. Der hingebungsvollen Arbeit, die Mchnner aus seiner Mi te geleistet haben, ist das erzielte Ergebnis im Wesentlichen zuzuschreiben. Ohne das, was der so oft als tot verschrieene und angeblich so unfruchtbare Liberalismus geschaffen hat, wäro