Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 1 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Max Freudenthal: Religion, nicht Politik 3 wie die Interessen des politischen und des religiösen Liberalismus sich einander grundsätzlich gegenüberstehen, welche Anschauung die Ueberhand gewinnt, hängt darum nicht von den bloßen Grundsätzen, sondern von mannigfachen. Imponderabilien ab, oft auch von rein lokalen Verhältnissen, die mit sprechen. Ich persönlich huldige politisch ganz und gar dem Ideal der simultan schule. Trotzdem Hätte ich unter den fetzigen Verhältnissen in Bayern, durch die die jüdischen Lehrer von der Anstellung an Simultanschulen als Schulen mit christlichem Charakter gesetzlich ausgeschlossen sind, die Begründung einer jüdischen Volksschule in hiesiger Stadt mit Freuden begrüßt, wenn es gelungen wäre, alle jüdischen Kinder, vor allem die der besseren Kreise in iihr zu vereinigen. Für eine jüdische Pauper- oder Winkelschule dagegen kann ich Mich in keiner weise begeistern. In keinem Falle aber kann, wie es dessen Gegner so gerne tun, der religiöse jüdische Liberalismus als grundsätzlicher Widersacher der jüdischen Schule hingestellt werden. Dasselbe gilt von dem zweiten Grenzgebiete, auf dem heute die Gegensätze besonders stark zutage treten, der Ostjudenfrag e. politisch betrachtet, mag es durchaus berechtigt sein, Deutschland vor Ueberschwemmung durch Ausländer zu sperren und lästige Ausländer auszuweisen. Aber schon hier zwingt die Praxis den LPeralismus vorsichtig zu sein; denn wenn derartige Vorsichtsmaßregeln sich in 'der Absicht oder in der Ausführung gegen bestimmte Gruppen, z. B. gegen die jüdischen Ausländer richten, so kann^kein wahrhaft Liberaler die Hand. zu solchen Ausnahmegesetzen bieten, politisch mag es auch durchaus berechtigt sein, Vorsorge zu treffen, daß Körperschaften, die in Deutschland öffentliche Rechte für sich beanspruchen, vor der Öffentlichkeit durch Inländer und nicht durch Ausländer vertreten werden. Im i n n e r'k i r ch l ich e n Leben jedoch muß gerade der religiöse Liberalismus, der dem Gesetze der Entwicklung huldigt und innerhalb der wenigen schlichten Grundlehren de^ Judentums, jeder religiösen Ausprägung ihre Freiheit zubilligt, den Oftjuden als einen durchaus gleichberechtigten Vertreter einer jüdischreligiösen Entwicklung anerkennen. Mag der deutsche liberale Jude noch so viele Verschiedenheiten der Kultur und des Geisteslebens, der Sitten und Gewohnheiten, der Lebenshaltung und Weltanschauung,^ ja sogar 'der religiösen Anschauungen und auch gewiß der religiösen Gebräuche zwischen sich und jenem konstatieren, so wird er dennoch das Gemeinsame der Religion, der Abstammung und der Geschichte nicht ableügnen können und keinen ausschließen wollen, der für dieses Gemeinsame mit ihm zusammen ^beraten und arbeiten möchte. Jede Gefahr für das gemeindliche Leben der deutschen Juden wird ja ohnedies ausgeschaltet, wenn die Liberalen von dem freien und allgemeinen Wahlrecht selber den eifrigsten Gebrauch machen, aus ihrer gewohnten Lethargie sich aufraffen und an den Gemeinde- und Lawdeswa'hlen wie überhaupt an den gemeindlichen Interessen sich ebenso eifrig beteiligen ° wie ihre Gegner. Die liberale Sache leidet nicht, weil die gegnerische die bessere, sondern die interessiertere ist. Lokale Verhältnisse mögen auch in der Ostjudenfrage hier und da Sicherungen rechtfertigen. So sind z. B. die bayerischen Gemeinden durch den furchtbaren Haß, der seit der Revolution gegen die Ausländer in der Bevölkerung herrscht, in einer besonders schwierigen Lage.- Aber an dem G r u n d s a tz der' Gleichberechtigung aller einer Glaubensgemeinschaft Angehörigen innerhalb dieser Gemeinschaft selber kann gerade vom liberalen Standpunkt aus nicht gerüttelt werden. Es ist im Gegenteil der Standpunkt der Orthodoxie, der Unterschiede macht zwischen Juden und Juden, sich allein das wahre Judentum zubilligt und die länderen davon ausschließt. Man muß es gerade an den Dftjuden rühmend hervorheben, daß. sie solche Erfindungen der deutschen Orthodoxie weder kennen noch billigem Ihr Gemeinschaftssinn und demgemäß ihr Heimatliches Gemeindeleben ist so ausgeprägt stark und einheitlich, daß es ihnen nie in den Sinn kommen würde, einem darum sein Judentum absxrechen zu wollen, weil er freier denkt und freier lebt. Es gibt ja auch unter den Ostjuden zahlreiche Männer, die in reli-' giösen Dingen auf dem Boden unserer Anschauungen stehen, und selbst der Chassidismus, der uns deutschen Ahlden besonders verwunderlich und abirrend erscheint und es in vielem auch wirklich ist, bildet, in der Tiefe betrachtet, eine Ablehnung des orthodoxen Talmudismus, die viel energischer und stär-