Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 61 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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bl L. Engel Könitz : Zur Friedhofsfrage ethisch und ästhetische Grundstimmung an* serer Ueberlieferung die Oberhand gewinnen lassen, in freiem Geiste? Sollten wir lücht von dem wüsten, geschmacklosen Steinmeer, der kulturellen Verirrungen letzter Jahrzehnte, die wir als modern mitmachten, weil wir 'die Freiheit dazu hatten und sie uns gut schien, zurückkehren? Sollten wir nicht von Weihrauchs und Kerze und griechischer Form wegkehren zu unserem Eigenen? wir, nicht der Einzelne, wir, grundsätzlich? Za, das ist unser großer Mißgriff, der uns zum Nichts hinzuführen droht, nicht daß wir uns kulturell assimilierten, sondern, daß wir unsere Religion und die Gebräuche zu assimilieren uns mühen, und sie damit verwässern. Nicht die verknöcherte Form, der tiefe, innere wert ist es, den wir damit preisgeben. Denen, welchen die Tiefe und Wärme ihres Judentums zun: Bewußtsein kam, ihnen "allen drängt es sich auf in dieser Sache wie in anderen Dingen und die Aufsätze über das Thema, sie bestätigen das: Zurück zu unserem religiösen Eigenen! Soll ich das abgeschmackte Bild unseres modernen Klassenfriedhofs noch einmal auftürmen? Die unflätigen Steinkolosse, die geschmacklosen Drnamentierungen, die arme Namensbezeichnung, die nur Name.ist und niemandem ein Begriff? Oder die hier so schal klingenden Zitate aus Schiller und Shakespeare, mit Hartnäckigkeit hervorgesucht, und „seine linke Hand wußte nicht, was die rechte tat"? Ist das die gefundene IndivDualität, daß man seine Getreuen nach Blocknunnnern suchen muß? wer sich einmal einen Stein des alten jüdiscljen Friedhofs zu Frankfurt am Main gemerkt hat und wäre es ein Kind, er fände ihn sofort zum zweiten Male. So „uniformiert" ist er. wer gegen die so wundersam weihevollen Friedhöfe des Ostens, mit ihrer Einheitlichkeit und ihrem individuellen Gepräge, ihrer schlichten, lebendiger: Ornamentierung, Einspruch erhebt, kennt sie sicherlich nicht, vielleicht haben die östlichen Juden mehr instinktives ästhetisches Gefühl wie wir überkultivierten Westeuropäer. Als Jude westeuropäischer Kultur, dem es um sein Judentum ernst ist, sage ich es freien Sinns: Kehren wir zur bescheidenen Einheitlichkeit der äußeren Form zurück, die jüdisch ist. Betonen wir dabei, so ausdrücklich wir wollen und können, individuelles Gepräge in künstlerischer Gliederung, ornamentalem Schmuck. Drücken wir die Sprache unseres Gefühls auf die Fläche des Grabsteins, daß der Geist spreche zu einem jeden, individuell, so individuell, daß die Stimmung wachse zum Ganzen, zum Rythmus jüdischer Gemeinschaft. * * wir schließen die Diskussion über „Air Frirdhofsfruge" mit der Aeußerung eines Fachmanns, des Steinmetzmeisters €. Engel in Könitz: ie. Diskussion zu diesem Thema zeigt, so viel bisher vorliegt, eine Ablehnung der angeregten Reform. Jedes Ding hat zwei Sei-, ten? Ich sehe diese Angelegenheit von der praktischen an. Gegen Aufstellung von Grabdenkmälern, besonders von luxuriösen, ist bei verschiedenen Konfessionen des öftern gewettert worden mit der Motivierung, daß es zweckmäßiger wäre, mehr für das Seelenheil, als für Denkmäler anzuwenden. was heißt aufdringliche Grabsteine? wenn jemand seinen Verhältnissen nach, seinen Heimgegangenen in Liebe und Dankbarkeit" ein Denkmal errichten läßt, um diesen Gefühlen in der Ausführung des Denkmals Ausdruck zu geben, wer,»der nicht Mitempfindender ist, könnte das richtig beurteilen? Ist cs nicht sehr dankenswert, wenn Leute die mit Reichtum gesegnet sind, hierfür bedeutende Summen aufwenden, dieselben Leute, die in den allermeisten Fällen auch für andere Zwecke ein edles Herz und eine offene Hand haben? Ist es nicht dankenswert, da tausenden Men-, schen dadurch Verdienstmöglichkeiten gegeben und sie durch diese Arbeit ernährt werden? Hierbei ist noch sehr wichtiges zu erwähnen. Man ist mit allen Kräften bemüht. Zu-' den dem Handwerk zuzuführen, und grade auf dem Gebiet der Herstellung von Grabsteinen sind Juden als Architekten, Bildhauer, Steinmetzen, Unternehmer und Arbeiter in ansehnlicher Anzahl beschäftigt. Man sollte bemüht sein, diesen Industriezweig eher zu fördern, als bekämpfen.