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Liberales Judentum · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1920) · p. Seite 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1920)
Date
1920-07-01
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 - Ludwig Ries-Frgnkftlri a. M : Der jüdische Friedhof Der jüdifdic friedhof. Von Ludwig Ries, Frankfurt et. M. on starken Utauern umgeben, von dem daneben gebauten Tempelbewacht, von rauschendem Laubwerk beschattet, liegt inmitten der brandenden Vogen des Alltags der alte jüdische Friedhof zu Frankfurt a. Ah Sieben. Jahrhunderte gingen über ihn hin, und er steht unberührt, geheiligt. Scheinbar chaotisch und doch in gewissem Rythmus, gehalten von Buschwerk und Gestrüpp und Unebenheiten des Bodens, reihen sich Steine an Steine, tausende an Zahl. Wer die Geschichte dieses Friedhofs kennt, wer die wohlerhaltenen hebräischen Schriftzeichen zu deuten weiß, er kennt das Schicksal eines jeden einzelnen hier Buhenden, zugleich das Schicksal der ganzen hiesigen Iudengemeinde durch die Jahrhunderte. Da stehen sie denn, die Steine, in Ernst und würde und doch frisch und lebendig, im magischen Schimmer einfallettden Lichts. Das Haüsorirament, es sagt gar dem Analphabeten die Familie, die pirsch und Dreifuß und Stiefel und Stern, die Kann, die Schiff und Birnbaum und Adler; er weiß die Familie, kennt ihre Vergangenheit unS liest ihre Taten in schlichten Lettern: „Er beschäftigte sich mit der .Thora." „Ihm ist Schweigen Lob, denn so hat er es angeordnet vor seinem Tode, daß man kein Lob auf feinen Grabstein schreibe." „Hier ruht einer, der nach Selbstvervollkommnung strebte." Die älteste Grabschrift von {272: „Ich bin errichtet als Denkstein zu Häupten der geehrten Frau Thannah, Tochter des Herrn Alexander, die gestorben ist... Ab des Jahres 5052 in der Zrhl. Ihre Seele weile im Garten Eden. Amen? Selah!" Ein Stein von ^55^ spricht von: „der Gestalt,^ die schon, wie der schimmernde Blond., lieblich war, wie die Bose." — „Der große Rabbi Bceir Schiff. Mein Freund stieg hinab in den Garten, wie eine Sonne vor der Zeit Der Gerechte ^wurde hingeführt aus dem Haufe seiner Wohnung vor den Ewigen zu dessen Wohlgefallen. Der Gaon, wunderbar an Scharfsinn und WifsensfMe. Wie ist mit ihn: entschwunden ein Kleinod des Priestertums, der Thora und edeln Fürstentums!" Bei einem andern: „und er stand in der Bresche". Das ist die Sprache der Steine: was sie verkünden, es gilt der per* foti des Einzelnen, wie sie es künden, ein Gedächtnis allen. So wandelt man durch die Stätte des Friedens. Ein l Hügel birgt die Babbinen, ein anderer die Thassidim, die Märtyrer, die als Juden vor den Toren des Ghettos um ihren Glauben starben. And wer die Rothschilds sucht, er findet sie unter den gleichen roten (Quadern aus Sandstein vom Obermain unter dem Hauswahrzeichen eures Dreifuß. Da und dort liegen sie in Harmonie mit ihren Glaubensbrüdern. In Schlichtheit und würde, so ruhen sie - alle „wie das Gesetz cs befahl", und dock) sie selbst. — So liegt dieser Friedhof abgeschlossenvor uns, ein einheitliches Ganze, -und spricht seine lebende Sprache. Lebende Sprackje denen, die teure Vorfahren, große Männer und Frauen unserer Gemeinschaft hier auf--, suchen und ihr Steinchen ans Grab legen, oder ein ZettelckTen mit einem frommen Spruch. Lebende Sprache all denen, die den -Friedhof durchwandeln irt seiner Einheitlichkeit und seinem inneren Zusammenhang, seiner IVürde und Schlickst heit, Jude wie Bickstjude Lebende Sprache dem Historiker, denr Kunst- und Kulturhistoriker, dem Geologen und Statistiker, so lebendig wie kein Buch, keine Ehronik es geben könnte. Menschen aus edlem und fürstlichen Geschlecht, Gelehrte un£> Bachkommenschaft der hier Buhenden, gar mancher weilte hier in Rührung und Stimtnung der Weihe. Eigentliche möchte ich damit meine Betrachtungen beschließen und sie ihre Sprache Mir sich sprechen lassen. Und doch, das lebhafte für und wider, das sich über den Begriff „Klassenfriedhof" entspann, es zwingt mich, ein Wort zu sagen. „In der Beschränkung zeigt sich der Meister." — wir, die wir uns ftei gemacht Haben oon der harten Bindung des Religionsgesetzes, wir Uebereifrigen, die das Alte verwerfen und Neues wollen aus unserer schwachen Kraft, wir sollten doch tausendmal prüfen, ehe wir Altes, Erprobtes von uns abtun. Sollten wir nicht neu die tiefe Innerlichkeit unserer Religionsgemeinschaft, den sozialen Geist, die

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