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Liberales Judentum · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1920) · p. Seite 51

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1920)
Date
1920-07-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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Rabbiner Dr. Seügmarm-Frankstrrl a. M.. Zum Neujahrsfeste 51 stcttt mit Tatze und Raubtierzahn, mit verfttmd als seiner siegreicheren Waffe ausgestattet. Des Menschen Seele, ferne Menschenwürde, seine Ewigkeitsgedanken, sein Glaube nichts als Zufallerzeugnisse der sinnlosen Materie, eine besondere Mischung aus Phosphor, Stickstoff, Eiweiß und etlichen anderen Elementen. „ Das ^eben ein Kampf ums Dasein, in dem der Stärkere, der Listigere, der An-, xassungsfähigere, der Rücksichtslosere den Sieg davon trägt über den Sanfteren, Liebe-' volleren, Gezähmteren, wie -der Wolf das Schaf »zerreißt. Der Staat eine Institution der Rlacht und des Eigennutzes gegenüber fremden Völkern. Das ganze Sein nichts weiter als ein mechanisches Getriebe, beherrscht vom allmchchügen Gesetz der Kausalität, die alle Wesen bindet. Für Freiheit kein Raum. Kein Raum für eine höhere Wirklichkeit, für ein Reich der /Zwecke. Keine Macht, die über dem Lhaos schwebt und der Welt ihren Sinn gibt.' Das ungeheure All ein seelenloses, .vernunftloses Getriebe. Und so lange haben die Meister der Wissenschaft, Naturforscher und Philosophen, Geschichtsschreiber und Staatsrechtslehrer, j)olitiker und Journalisten die neue Weisheit den Gehirnen eingehämmert, bis die Hörfäle der Studenten und die Blätter, die dem Volk die tägliche geistige Nahrung-vorsetzten, von dieser seelenlosen Weisheit widerhallten, bis der Aufruhr in die Schulen und Fabriken, in die Volksversammlungen und Konvenäkeln, in die Köpfe und Herzen bis in die letzten Kanäle des Lebens hineingetragen wurde. Aber man sät keine Drachensaat, ohne Drachengist zu ernten. Man zerschlägt nickst alle Ideale und predigt den trostlosen Kampf ums Dasein, ohne die Welt in einen erbarmungslosen Kampfplatz zu verwandeln. Es kam, wie es kommen mußte. Die unausbleibliche Folge, die die wenigen Idealisten, die j)rediger in der wüste, vorausgeschaut und vorausverkündet hatten, trat ein:. zuerst diese atemlose Jagd nach materiellem 'Genuß, diese Ueppigkeit und tolle Ausschöpfung der letzten sinnlichen Lebensmöglichkeiten; uyd dann dieser Zufammenbrrch, diese Hölle von Selbstsucht, Haß und Lüge, dieser Abgrund, in dem alle mühsam aufgerichteten heiligen Ordnungen; alle Wahrheit und Gerechtigkeit und Liebe untergingen. Die furchtbare Sphinx hat ihr verführerisches Jungfrauenangesicht entstellt, ihre Tatzen erhoben und die Menschheit, die ihr Rätsel so jämmerlich gelöst, in den Abgrund geschleudert. Und wieder einmal gibt uns, den Entronnenen aus dem Geschlecht des Zusammenbruchs, die Sphinx ihr altes Lebensrätsel auf. Und wir seufzen nach Lösung, nach Er — lösung. Denn nur die Er — lösung iji die letzte, restlose, einzig wirkliche Lösung. Denn solange die Lösung des Lebensrätsels keine Erlösung für die Menschen ist, Erlösung von dem Grauen, der Leere, dem unheimlichen Dunkel dieses irdischen Seins, solange ist sie keine wahre Lösung. Und es gibt nur eine Erlösung, in deren Offenbarung alle wahrhaft großen Führer >der Menschheit sich begegnen ur£> von Gipfel zu Gipfel über die 2lbgründe der Jahrhunderte sich grüßen. Und diese Erlösung ist: der Glaube an die UArklichkeiL eines höheren, heiligen Seins und Willens, der Glaube an die Majestät des Idealen, der Glaube an eine letzte Weisheit, Güte und Gerechtigkeit, die die geistige Inwendigkeit dieser körperlichen Welt ist, der Glaube an eine ewige Harmonie, in der sich dieserniedere Kampf ums Dasein löset, der Glaube an einen Gott als Erlöser. Das ist kein Glaube freilich, wie man ihn so von den Vätern hev gewohnheitsmäßig im Munde führt, keine Rechtgläubigkeit, die in Worten schwelgt und auf Begriffe schwört, ohne sie je lebendig erfaßt zu haben. Das ist auch kein Glaube, der eine Versicherung ist gegen Schmerzen und ZTot, sondern eine heilige Kraft, eine im Lebenskampf erprobte Tapferkeit, einIRut und eine Demut. Nehmet diesen Glauben der Menschheit, und ihr machet die Menschen zu jammervollen, hoffnungslosen, erbarmungswürdigen' Geschöpfen, die im Ekel vor sich selbst ersticken müßten, und das Endtz wäre der Irrsinn, die Katastrophe, der. Abgrund, wie der, in den uns der Wahnwitz dieser Zeit hineingerissen hat. Habe den Mut 91 diesen» Glauben, habe die Kraft, seine Ideale im Zusammenbruch

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