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Liberales Judentum · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1920) · p. Seite 50

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1920)
Date
1920-07-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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30 Hadbdier Dr. HMgmann-ArankfML a. M.. Zum Rrujahrsfefte unser Erlern, dessen Weh unser Weh isi. was in langsamem Aufstieg die Jahr- Hunderte aufgebaut haben, ein Jahr hat es' vom Himmel zur Erde gestürzt. Es war ein Rchch der Ordnung und des Rechtes und ward ein Spielball der Gesetzlosigkeit und eine Beute der Gewalt; es war ein Reich der Alraft und der Arbeit und ward eine St&tte der Schwache und der dumpfen Verzweiflung. Wir Habens erfahren an der Menschheit. Die Jahrhunderte kommen und gehen und trotz aller geistigen Bildung, trotz aller rastlosen MenschenerAehung, dieselben Leidenschaften und Kämpfe, dieselbe Rohheit und Barbarei, derselbe Wahn und Hatz und Lug., und Trug. Ist alle Kultur und Svilisation, nur Maske und Firnis? Hat sich dje Mensch-' heit nur darum aus urweltlicher Barbarei erhoben und ein Reich des Lichtes und der Nldung aufgebaut, ein Europa voll Schulen und Universitäten, voll Museen und Akademien, ein kunstreiches Gewebe von wirtschaftlichen und fokalen Einrichtungen, internationalen Verknüpfungen und Kongressen, damit wir heute vor dem „Untergang des Abendlands" stehen, wie Theben und Ninive, Babylon und Jerusalem begraben wurden? Ist dies das Ende der riesenhaften Kraflansxannung des Jahrhunderts der Entdeckungen und Erflndungen, der Dienstbarmachung und Beherrschung von Erde, Meer und Lust? Haben wir nur darum» alles Eisen aus der Erde Schacht gegraben und alle Kohle zu Kraft verwandelt, um die angehäuften Kräfle zu Mordgeräten zu wandeln? Haben wir nur dazu die Luft nach langem Ringen erobert, um über die vylkrchchen Städte Tod und Verderben, Angst und Grausen zu schleudern? Haben wir nur darum Güter und werte in nie dagewefener Fülle und Vollendung angehäuft, um sie dem alles verschlingende?! Moloch des Krieges in den. nimmersatten Rachen zu werfen? . wehrt sich vielleicht, die Erde gegen ihre Vergewaltiger, die in ihren Eingeweiden wühlen? Schüttelt sie — ein erwachender Riefe — die kleinen Menschlein ab, die sich vermaßen, über sie zu herrschen? Isis ihre keflgende Rache, daß sie das Blut der Millionen trinkt? Soll Europa ein blutgetränktes Leichenfeld werden wie Asien, dessen spracht und Ueppigkeit unter verwehtem Wüstensaick ejngesargt ist? Ist das das Ende? Werden die Träume von. Völkerfrieden und Menschenglück e«M an den Sternen hangen und nur durch/unsere Träume ziehen? Wohin gehen wir? Was^.! ist unser Ziel? „Wächter, wie weit ist die Nacht?" : ' Ein dunkles Rätsel steht das Leben, Acht vor uns Zeit und Ewigkeit. Und uns ergreift mit leisem Leben Der Schauer der Vergänglichkeit. Uralte ägyptische Steinkoldsse haben uns die Gestalt eines sabelhaften Ungeheuers mit dem Antlitz einer Jungfrau und dem Körper und den Tatzen eines riesenhaften Löwen aufbewahrt. Die alten Griechen erzählen von diesem furchtbaren Ungeheuer, das sie Sphinx nannten und in dem sie ein urweltliches Symbol erblickten: jedem, der ihm nahte, gab es ein Rätsel auf, und.wer es nicht loste, wurde von der Sphinx erfaßt, und in den Elbgrund geschleudert. Dieses urweltliche Symbol — ist es nicht das Leben selber, das uns sein furchtbares Rätsel aufgibt? Fünf Jahrtausende, soweit der Menschen Erinnern reicht, mühen sich die Mensck^n, das Rätsel der Sphinx zu lösen. Und keine Zeit war wohl so selbstsicher, so stolz, die letzte Lösung des Lebensrätsels gefunden zu haben als die letzten Jahrzehnte vor dev furchtbaren Katastrophe des Weltkriegs. Es war wie ein Hochgesang, den die xopuMsn Meister der mechanischen Wissenschaft anstimmten, und im Thor sangen es die Jünger und die urteilslose, blinde Menge nsch: Die Welt ein ewiges Spiel sinnloser Kräfte, ein Haschen und Fliehen von Atomen,, dir sich durch blinden Zufall oder natürliche Auslese im Kampf ums Dasein hier zum Trocknen, dort zum Feuchten, dort zum' Gasförmigen zusammengefunden und im Laus der Iahrmillionendie Fülle des Lebens und der Organismen von der Urzells bis zum Menschen hervorgebracht haben. Der Mensch, ein Gebilde aus Staub, nur aus Staub, oder, wie es die Wissenschaft nennt, aus Materie. LingercihtM dir Naturwesen, ein' Tier' wie andere Tiere, nur

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