Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3126481-3126600-3126604--2577-3129437- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fflonatsfdirift für die reilglüfen Intereffen des Judentams kerausgegeben ooa der. Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffddand unter der Redaktion von Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner m Frankfurt a. fit Ho. 7 und 8. Jahrgang 12. Juli u. BuguFt 1920 Zum rieujahrsfefte. Don Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. M. Still ist es rings, ein leis Versinken, Aas Zahr entschlief zur letzten Ruh'. Wir steh'n an seinem Grab und winken Den letzten Abschiedsgruß ihm zu. Ein dunkles Rätsel sieht das Leben, Steht vor uns Zeit und Ewigkeit, Und uns ergreift mit leisem Beben Der Schauen der Vergänglichkeit. Da flüchtet aus der Erde Schranken Die Seele heimatwärts zu Dir. Du Fels im Sturme der Gedanken, Du, unsre Zuflucht für und für. Von Dir umhegt sind wir geborgen; Vergänglichkeit, du schreckst uns nicht! - Die Nacht entweicht, es tagt der Morgen, - In Deinem Lichte schau'n wir Licht. Es war in alten Tagen,. in einer Zeit, ba Throne stürzten und Reiche zersplitterten, in einer Zeit, da die Mensckxennot zu Gott emporschrie und die Nacht ihren schwarzen Fittich über die Erde breitete. Da kamen sie zu dem großen Propheten Israels mit verzweifeltem Fragen: „Wächter, wie weit ist die Nacht? , Wächter, wie lang währt die Nacht?" Und der Wächter spricht: „Der Morgen kommt und wieder die Nacht.» Kein Fragen bannt die Nacht. Rehret um, dann weicht die Nacht!" So tönt das dunkle Schicksalswort aus grauer Vorzeit undfindet bangen Widerhall in unserer Seele in diesen Tagen der Selbstbesinnung und der stillen Einkehr. Wann wird diese leidyolle zermürbende Nacht für chns enden? Warum wurde über uns verhärrgt, was mir wenig Generationen der Menschengeschichte schaudernd erleben mußten? Mne schon sieben Jahre währende Zeit des Grauens und des Jammers, eine Zeit des Zusammensturzes irdischer Macht und des Triumphes der Gewalt, eine Zeit des Aufruhrs und der Zerrüttung, der Zuchtlosigkeit und des nackten Eigennutzes, eine Zett des paffes und des Wahnsinns. Tränen und Blut, <£ual und Traurigkeit, fast so weit sich der Himmel über die Erde wölbt. Wir haben erfahren, was ein Jahr zerstören und umwälzen, von der Höhe stürzen und zu Staub zermalmen kann. Wir haben's erfahren an Israels, unserer religiösen Gemeinschaft, tränenvollem Geschick. Die Nacht des Mittelalters wähnten wir vorüber. Der Morgenstern der Hoffnung leuchtete uns verheißungsvoll. Und nun müssen wir den alten Leidensweg aufs neue gehen. Rings um uns brandet ein Meer des Haffes und der wilden, aufgepeitschten Leidenschaft, die alle Sünden der Zeit und allen Jammer und Fluch auf unser Haupt laden möchte. Die Brandfackel loht in Stählen und Dörfern des Dstens, das Schwert wütet in Mörderhänden, deine Jünglinge und Frauen, deine Greise und Rinder erschlagen, o Israel, wie in den düstersten Schreckensnächten des Mittelalters' erschlagen nur weil sie Juden waren und weil der Jude von je ein Freiwild war für die Treibjagd der verhetzten Meute. ' Welchem Schicksal gehen wir entgegen? Wir haben den furchtbarsten Lpanhel des ^schickes erfahren an ünserin dWschen Vaterland, dessen geschichtliches Erlehen