Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1920) · p. Seite 45

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1920)
Date
1920-05-01
Page
Seite 45 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3126481-3126600-3126603--2572-3129431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rabbiner Gustav Cohn: Der jüdische Klassenfriedhof 45 einem Vater und seinem ihm vier Wochen später in den Tod gefolgten Söhnchen gesetzt wurde: Der größere, dem Vater gewidmete Teil in so enger Anlehnung an den kleineren, für das Andenken des Sohnes bestimmten; fast als spräche der Stein in väterlicher Liebe: ich lasse dich nicht! Auch wer die Bedeutung der Inschrist nicht kennt, kann nicht ohne tiefstes Fühlen den Stein betrachten. Solche starken Wirkungen erzielten die alten Meister, weil sie sich in die einzelne Aufgabe vertieften. Dem Grabmal, das sie schaffen sollten, wollten sie Leben geben, der tote Stein' sollte sprechen. Darum gaben sie ihren Arbeiten etwas bildhaftes, und waren überaus erfinderisch in der Anwendung von Mitteln, um dies zu erreichen. Sehr reichhaltig war die Symbolik, mit der sie den Toten. charakterisierten, und in der Stilisierung dieser Symbole fand ihr Gestaltungsdrang ein weites Feld der Betätigung. . Weniger bei den segnenden spriesterhänden; aber schon die Kannen und Schüsseln der Leviten, die Kronen (als Symbol des guten. Namens nach Spr. d. vät. II., s?), umgebrochene Bäumchen, besonders Rosenstöcke (als Symbol eines frühen Todes), ferner - Löwen (als Symbol Judas), andere Tierbilder, in denen Hinweise auf die Fannliennamen gegeben wurden; u. v. A. gaben ein Material, das in verschiedensten Gestalten dargeftellt wurde. Nicht minder wurde die Ornamentik gepflegt. Die Randleisten zeigen die verschiedensten Motive, Säulen, Blumen- und Blätterguirlanden. Freie Flächen sind mit Rosetten, mit Knospen- und Kelchmotiven ausgefüllt. Einen weiteren Stost zur Ausgestaltung bot die Inschrist, die den wesentlichen Teil der Darstellung bildete. Die Eechnik der Schristzeichen wurde zu mannigfachen Formen entwickelt; wir sehen erhabene und eingemeißelte Buchstaben, einfache Md stilisierte. wie lebhaft auch hier tm Phantasie arbeitete, zeigen z. B. die Abkürzungszeichen, die vielfach mit Krönchen und BlürEhen verwert' wurden. — - — Es braucht nicht betont zu. werden, daß keineswegs eine bedingungslose Rückkehr zu diesen alten Formen der Grabsteine empföhlen werden soll. Wenn auch manches ohne weiteres kopiert werden könnte, so ist doch im allgemeinen unsere ästhetische Anscharmng vorwärts gegangen und verlangt andere Formen als die vor oder 3 Jahrhunderten üblichen. ' Aber der Grundgedanke ist wert, beachtet zu werden: Daß das Gewicht auf die Ausgestaltung der Vorderfläche gelegt werden muß, daß Symbolik, Ornamentik, und ganz besonders die Inschrift mehr gepflegt werden, als dies bei den modernen Grabsteinen geschieht. Ls ist sicherlich möglich, daß ebenso, wie in jenen Jahrhunderten die Symbolik neue Wege suchte und fand, auch heute, sei es in Anlehnung an. das Alte, fei es in ganz neuer Schöpfung, Ausdrucksmöglichkeiten für Symbole ernrittelt werden, die unserem modernein Empftnden entsprechen. Daß auch die Ork namentik unserer Zeit angexaßt werden kann, bedarf keiner Erörterung. Wohl aber muß eindringlich darauf hingewiesen werden, daß Sie weit verbreitete Gepflogenheit, die Inschrift des Grabsteines auf ein Mindestmaß zu beschränken, auf einer Verkennung seines eigentlichen Wesens beruht. Den Angehörigen allerdings besagt es genug, wenn ein Denkmal den Namen und evtl. Geburts- und Sterbetag enthält. Ebenso genügt dies bei den ganz Großen, deren Namen unsterblich sind durch dis Werke, die sie geschaffen haben. Aber werden denn Denkmäler für die nächste Generation gestellt? Brauchte man Marmor und Granit, um eineni Geschlecht oder zweien.die Stätte zu kennzeichnen, an der ein Angehöriger ruht, den sie im Leben geliebt haben? Ein Denkmal soll das Andenken des Menschen erhalten in die Jahrhunderte hinein, soll auch den fernen Nachkommen noch Kunde geben von dem Leben und Schaffen und dem Wesen eines Ahnen, soll auch fernen Geschlechtern ein Bild von dem Menschen einer früheren Zeit und seinem Leben bewahren, wir schätzen heute die aus alten Jahrhunderte» erhaltenen Grabdenkmäler als eine äußerst wertvolle historische Quelle, die uns manchen liefen Einblick auch in die Kulturzustande älterer Zeiten verschafft; wir gewinnen aus diesen Zeugen früherer Epochen wichtige Erkenntnisse, z. B. über Berufsverteilung, über Wanderungen, über Seuchen, über Gemeindeverhältnisse u. v. A., was wir vergeblich in alten Akten suchen; sie bilden eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.