Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Rabbiner Gustav Cohn: Der jüdische Klassenfriedhof Gewalt. Diese Denkmäler würden, für sich m einen parf gestellt, als Mausoleen ober Familiengräber im eigenen Besitztum, in ihrer Mehrzahl ihre Aufgabe vollkommen lösen. In der Umgebung eines Friedhofs aber stören sie häufig, weil sie aufdringlich "werden. Und die gleiche Entwicklung beeinflußte auch die Linzelsteine. Auch hier ist es fast ausschließlich das Material, die wuchtige Form, worin man die lyirkung sucht. Aber gerade bei diesen „einfacheren" Steinen zeigt sich der Fehler dieser Entwicklung. Diese spiegelglatten, nur im Größenausmas; von einander abweichenden Obelisken, mit einer oft bis auf das Dürftigste beschränkten. Inschrift, sind fast durchgängig nach einen: so nüchternen Schema hergestellt, entbehren fast jeglicher Phantasie, daß eben nur gerade noch die Schönheit des Materials auf den Renner wirkt. wie aber sollte eine wirkliche Friedhofskunst ihre Aufgabe lösen? — wir haben in unserer Gemeinde Rrotoschin einen Friedhof, dessen Alter auf mindestens 300 Jahre nachweisbar ist. In seinem neueren Teile bietet er das gleiche Bild wie wohl die meisten neueren jüdischen Friedhöfe. Dagegen zeigt eine stattliche Zahl ptädräq erhaltener Grabmäler aus den Jahren ^4 bis in den Beginn des (0- Jahrhunderts hinein, in welcher weise ftüher diese wunderbar überwältigende Stimmung, die in diesem Teile auch heute noch lebendig empfunden wird, zustande kam. Man kannte nur Einzel- und Doppelsteine. Ls herrschte eine stille Uebereinkunft, daß alle Grabmäler im Ausmaß eine bestimmte Grenze innehielten. Innerhalb dieser Grenze gab es keine sklavische Uniformierung, sondern eine Freiheit und Mannigfaltigkeit von erstaunlichem Reichtum der Phantasie.*) Wir sehen da Gruppen nebeneinanderstehender Steine von fast gleicher Gesamthöhe und -Breite, alle von einander unterschieden und doch jeder zu dem anderen stimmend. _ *) Es ist bedauerlich, daß der Charakter unserer Zeitschrift die Verowchaulichung durch Brlderbeigaben verbietet. Ich verweise deshalb aus einen Aussatz in der „Denkmalspflege" <1919 Nr. 8), den aus meine Anregung Prof Grotte veröffentlicht hat. und dem eine Anzahl meiner photograpbisch n Aufnahmen beigegeben fmb. Eine ausführliche Darstellung, der ein reiches Bildermaterial zugrunde gelegt wird, ist in Vorbereitung. ~ Darin möchte ich die Richtlinien erkennen, denen eine moderne Entwicklung der Friedhofskunst zu folgen hätte, wer einen Friedhof betritt, muß sein Auge über ihn als Ganzes (oder zunr wenigsten über ein größeres Feld) gleiten lassen dürfen, ohne daß das Gewirr bald hochragender, bald niedriger, bald breiter, bald schmaler Steine den Beschauer verwirren muß. Darum nmß das einzelne Grabmal sich in ein Gesamtbild emfügen, in ein Gesamtbild womöglich des ganzen Friedhofs, wenigstens aber größerer, zusammenhängender Abteilungen. Um das Ar erreichen, muß in gewissem Umfange Gleichmaß und Gleichförmigkeit angestrebt werden.' Im allgemeinen sollte der Einzelstein oder höchstens der Doppelstein bevorzugt werden; das umfangreichere Grabmal an Erbbegräbnissen müßte womöglich auf einen besonderen Teil des Friedhofs beschränkt bleiben, um nicht die Einheit desi Bildes zu unterbrechen. Jedes einzelne . Denkmal müßte auch in seiner Ausführung sich seiner Umgebung, einordnen> so daß auch die Gräberreihen und die kleineren Gräberfelder eine einheitliche Bildwirkung erzielten. Innerhalb dieser allgemeinen Forderungen aber sollte eine entschiedene Individualisierung das Bild beleben. Diese Differenzierung muß in dem' gesucht werden, was ich den Inhalt des Steines nannte. Die Architektonik der Form muß aufs innigste gestützt werden durch die Phantasie des bildenden Künstlers, die die Ausführung im-Kleinen zu gestalten hat. Wie diese Forderung erfüllt werden kann, zeigen die alten Grabmäler des Rrotoschiner Friedhofs. In der erwähnten Veröffentlichung ist eine Anzahl von Einzelsteinen wiedergegeben, in denen solche innere Mannigfaltigkeit in die Erscheinung tritt, welch eine Fülle von Möglichkeiten in der Abwechslung offenbart sich baV- Formgebung, Symbolik, . ornamentaler Schmuck. Technik, Einteilung der Fläche, Schriftcharakter werden in den verschiedensten Kombinationen abgewandelt und geben den Grabsteinen ein durchaus individuelles Gepräge; und in so hoher künstlerischer Vollendung, daß wir noch heute reinste ästhetische Befriedigung bei ihnen finden. Um nur ein-Beispiel anMführen. Welch eine restlose Erfüllung künstlerischer Forderung verrät jener Doppelstein, der