Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbiner Gustav Cohn: Der jüdische Klassenfriedhof 43 von seiner Zugehörigkeit zum Judentums zu haben". Sollte es gelingen, meinen Vorschlag zur" Ausführung zu. bringen, so wären wir sicher dem Wunsche Itzigs auf praktische und durchaus durchführbare Weise viel näher gekommen, und dem fetzt durch die Art der Beerdigungen etwa beeinträchtigten Empfinden .jüdischer leidtragenden wäre in jeder Beziehung Rechnung getragen. * - * \ * 'II. Von Rabbiner Gustav Cohn-Krotoschin. 'VH^it seinem Aufsatz „Der jüdische Rlassenl friedhof" ($$ S. 85 ff.) hat Herr Hermann Itzig-Falkenburg in unserer Zeitschrift eine Frage angeschnitten, die einer gründlichen Besprechung wohl wert ist. Die Anregung der Redaktion zur weiteren Behandlung, mit der sie den Abdruck zweier Aeußerungen zu diesem Gegenstand ($20 5. 8f.) abschließt, beweist, daß auf das Interesse weiterer Kreise gerechnet werden darf. <£s wird kaum bestritten werden, daß das Gesamtbild eines neueren jüdischen Friedhofs nichts weniger als! ein Bild des Friedens und der Ruhe bietet. Nicht zum wenigsten wegen der allzu zahlreichen geschmacklosprotzigen Denkmäler. Aber in der Hauptsache deshalb, weil unsere Grabmalkunst sich in einer falschen Richtung entwickelt hat. Was auf einem Wege durch die Gräberreihen als etwas Andacht Störendes empfunden wird, rührt kaum daher, daß die Ruhestätte unserer Heimgegangenen als „Klassenfriedhof" erscheinen muß. Die Differenzierung der Grabstätten hat, wie schon mit Recht entgegnet wurde, ihren natürlichen Grund in der inneren und äußeren Differenziertheit der Menschen, die dort ruhen, und der Menschen, die ihren Hingeschiedenen ein Denkmal errichten. Das wort: „vor Gott sind alle Menschen gleich" kann hier nicht gut angewendet werden. Grabsteine werden nicht vor Gott gesetzt, sondern vor Menschen; sie sollen nicht auf Gdtt wirken,, sondern auf Menschen. Und in der Erinnerung der Menschen sind in der Tat nicht alle.Entschlafenen gleich. Was das Gefühl der. andächtig stimmenden Ruhe auf dem neueren jüdischen Friedhof beeinträchtigt, ist vielmehr der Umstand, daß sei.ne einheitliche Gesamtwirkung gestört ist. Zum Teil ist das die Folge der Einrichtung von Erbbegräbnissen, die mit ihren meist umfangreicheren Umfassungen und Denksteinen das Bild des Friedhofs zerreißen. Zum anderen gewähren aber auch die einzelne^ Reihen und Abteilungen kein ästhetisch befriedigendes Bild. Die einzelnen Grabmäler stimmen nicht zusammen, sie. schaffen kein Gesamtbild. Jedes wird als etwas für sich Abgeschlossenes betrachtet; sie ordnen sich nicht zu einem Ganzen zusammen. Die mannigfachen Verschiedenheiten rufen in dem Beschauer ein Gefühl der Unruhe hervor, statt daß sich ihm das Bewußtsein des Friedens und der Ruhe mitteilte. Es wäre nun aber verkehrt, eine Einheit des Bildes durch Gleichmacherei schaffen zu wollen. Eine große Fläche, die lange Reihen durchaus gleichförmiger Grabsteine enthält, wirkt keineswegs erhebend, sondern nüchtern, kalt, drückt die Stimmung nieder- Ich hatte diese Empfindung jedesmal, wenn ich den alten Friedhof in Berlin (Gr. Hamburger Straße) betrat, wo ein großes Feld nur fast völlig gleichartige Denksteine zeigt. Ls muß im Gegenteil als eine glückliche Entwicklung bezeichnet werden, daß es Brauch geworden ist, unsere Toten durch künstlerische Grabsteine zu ehren. Nicht aus dem Bestreben heraus, auf dem Friedhof Kunst tzu üben, sondern in der Erkenntnis,. daß die wahres Kunst das trefflichste Mittel darftellt, auf das Gemüt zu wirken: Darum muß die Frage so gestellt werden: Ist die neuere Grabmalkunst auf dem richtigen Wege, ihre eigentliche Aufgabe zu lösen? — Die Tatsache, daß das Bild des Friedhofs nicht die Gemütstöne auslöst, die wir in ihm suchen,' läßt uns diese Frage verneinen. 'Den Grund dafür möchte ich darin erblicken, daß auf die 'äußere Gestaltung, auf die Architektonik zuviel Gewicht gelegt wird, daß zu wenig an. dem gearbeitet wird, was ich den Inhalt der Denkmäler nennen mochte. Die Entwicklung nach der architektonischen Seite hin hat zu einer steten Steigerung des Ausmaßes geführt, hat diese wuchtigen Denkmäler an Erbbegräbnissen entstehen lassen, die fast nur noch durch den Aufbau, durch die schwere Fülle kostbaren Materials wirken wollen. So werden Kunstwerke aufgestellt, von packender Kraft, von erhabener