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Liberales Judentum · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1920) · p. Seite 41

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1920)
Date
1920-05-01
Page
Seite 41 (sequence 9)
Language
German
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Konsul John M. Wiener: Der jüdische Klaffensriedhof 41“ in. schärfster dialektischer Meise poliert und I geschliffen, ergänzt und erläutert, bis der I Riesenbau des Talmuds vollendet war. Der Kämpf gegen Unsitten der Heiden, gegen abweichende Uleinungen der Sektierer und gegen Einflüsse der Tochterreligionen spiegeln sich im Talmud ab. Viele Anordnungen sind diesem Streiten entsprungen, sie werden aber heute noch für maßgebend erachtet, obwohl ihre Veranlassungen längst geschwunden/, ihre Gründe in Vergessenheit geraten sind. Wenn es richtig ist, daß die Speisegesetze erst allmählich im Wechs l der Zeiten unter fremdem Gnfluß entstand!... sind, rvenn viele ihrer Ursachen geschwunden sind und ihr _ Zweck sich erfüllt hat, wenn sie tatsächlich geschichtlich bedingte Glaub ensvorsteltungen und Erscheinungsformen sind/also aus zeitlichen Gründen ins Leben traten, können sie dann fetzt noch, unter ganz veränderten Verhältnissen, religionsgesetzlich verbindlich sein? U)enn es ferner richtig ist, daß ungefähr zur selben Zeit, in. welcher die Speisegesetze entstanden, und aus den gleichen zeitlichen Bedingungen, die weitgehendsten und spitzfindigsten Vorschriften für die Sabbatfeier erlassen wurden, die für uns heute den Sabbat nicht zu einer Luft, sondern zu einer Last machen, die auch zum Teil ganz anderen. Mrts- und Kulturverhältniffsn angepaßt waren, ist es dann nicht erforderlich, diese Bestimmungen gründlich zu überprüfen und sie aus ein Maß zurückzuführen, das dem ursprünglichen Zweck entspricht und bei dem der Mensch der Jetztzeit bestehen kann? Nicht um einen neuen liberalen Schulchan Aruch soll es sich handeln, nicht soll neuer Zwang auf Geist und Gewissen ausgeübt werden, aber Wahrheit und Klarheit wird gefordert. Der Grund, die LntstehungszM und die besonderen Ursachen der einzelnen Bestimmungen müssen erforscht und beramrtgegeben werden, dann erst kann der Einzelne frei und ungezwungen entscheiden, in welcher Weise er sich nach dem Spruche desprophetert"^ richten will: „Es ist Dir verkündet, o Mensch,, was gut.ist, und was der Herr von Dbc fordert; nichts als das Rechte tun, Liebe üben und in Demut wandeln vor Deinem Gotte." 47} Micha, 6, 8. Der jüdifche Klaffenfriedhof. I. Entgegnung von Konsul John M. Wiener-Berlin, Mitglied der Friedhofskommission der jüdischen Gemeinde. as Hermann Jtzig in der November- Dezember-Nummer Ihrer geschätzten Zeitung als Forderungen für einen jüdischen Friedhof aufstellt, ist alles eher als liberal, ist Zwang schärfster Form und Kasernierung der pietät. Weder auf dem von ihm, noch was dem von Albert Hamburger,. Breslau, angedeuteten Wege (S. 9/ Juhrg. $20) dürfte ein. Weiterkommen möglich sein. " Zunächst: Die Religion predigt die gegenseitige Menschenliebe, das Linander-zu- Gefallen-lsben, die treue Gemeinschaft der Menschen. Aber das Leben vermag diese Forderungen nicht zu erfüllen, schon deshalb nicht, weil viele Menschen nicht religiös sind und daher den Forderungen der Religion nicht entsprechen. Neid, Mißgunst, Haß und Eifersucht sind Eigenschaften, die Ln vieler Menschenbrust wohnen, auch nicht schweigen an der Pforte des Todes und am Grabe Angehöriger. Und wenn die Liebe nimmer aufhöret, so hört auch bei vielen nicht auf, den Toten nachzutragen, was immer sie vermeintlich dem Lebenden zu Leide getan habe» sollen. .Diese Leute — und ihrer sind nicht wenige — entbehren auch des Gefühls der pietät, ihnen ist nichts gelegen an der pflege der Gräber ihrer Toten. Sie halten vielleicht in der ersten Zeit die Gedenktage — dann ist der Vorfall für sie erledigt. — Die große Mehrzahl unserer .Glaubensgenossen empfindet anders, ihnen ist es Herzensbedürfnis, die letzte Ruhestätte ihrer Lieben zu schmücken, sie zu pflegen und alle treue Erinnerung und Symbolik auch den Tod überdauernder Zusammengehörigkeit durch pflege der Gräber zu bekunden. Wäre es nicht unerhört, hieße es nicht Herzensempfindungen mit Füßen treten, wollte man diese Gräberpflege uniformieren und die

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