Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1920-03-01 · Heft 3-4 (März 1920) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
Seite 28 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126600-3126602--2554-3129412
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

28 Levin Hirsch: Der Juden und gerade ihre bekannte Wohltätigkeit, die sich auch'auf angemessene Beerdigung verstorbener Glaubensbrüder erstreckt, hat schon oft den Neid bei den Bekennern des Christentums erregt, wie sieht es denn auf evangelischen und katholischen Friedhöfen aus? Finden:wir dort nicht nebeck prunkhaften Erbbegräbnissen und mit verschwenderischer Fracht hergestellten Monumenten aus Erz und Marmor die dürftigsten Massengräber und hat schon se ein Sozialist oder Rommunist über diese Verschiedenheit der Bestattung ernsthafte Vorstellungen erhoben? Es ist völlig ausreichend, daß der Rlasfenkamxf. das Dasein der Lebenden vergällt und vergiftet, man soll die Sozialpolitik wenigstens von der gemeinsamen Ruhestätte der Entschlafenen fernhalten und nicht nach polizeilichem Einschreiten verlangen, weil der Eine für seine Loten mehr ausgeben kann und will als dies ein Anderer vermag. Grade der Liberalismus sollte grundsätzlich' möglichst selten in die Freiheit und das Belieben des einzelnen Individuums eingreifen, unbeschadet der notwendigen Ordnung und des dem Charakter und den Zwecken eines Begräbnisplatzes entsprechenden Maßhaltens, sei es, daß durch Testament, sei es, daß auf Wunsch der Hinterbliebenen für eine letzte Ruhestätte mehr oder weniger aufgewendet wird. Gewiß soll die Wohltätigkeit, namentlich anläßlich von Sterbefällen, in vollem Maße geübt werden, doch daß dieses Gebot von den Juden der heutigen Zeit geflissentlich übertreten wird, dürfte schwerlich nachzu-? weisen sein.' Das Gegenteil bezeugen die zahlreichen Stiftungen zum Andenken verstorbener Gatten und Eltern, Rinder Und sonstiger Angehörigen und wenn vielleicht nach dem Weltkrieg diesen Veranstaltungen weniger Mittel zufließen werden, so liegt das^ nicht an dem guten willen der Beteiligten, sondern an dem Rönnen. Der Fiskus allein wird fortan schon dafür' Sorge tragen, daß ganz im Sinne des Herrn Verfassers in Zukunft kein allzu üppiger Gräberkultus getrieben wird und daß ein Teil der von ihm ausgestellten Leitsätze notgedrungen, nicht etwa aus ethischen Gründen, Angenommen wird. -i- * * jüdische Friedhof II. ieser Gegenstand hat mich schon seit langer .Zeit beschäftigt, und es freut mich, daß Herr Dr. Veit Simon mir Veranlassung bietet, auch meine Ansicht kundzugeben,, indem ich vorausschicke, daß ich, trotz meines Liberalismus, anderer Meinung bin, als er. Als alter Hamburger, dessen Vater auf dem alten Gttensener, und dessen andere An-l verwandte auf dem Ghlsdorfer Friedhof ruhen, habe ich öfters Gelegenheit, Vergleiche anzustellen, und ich muß gestehen, daß so stimmungsvoll die Einfachheit der Grabsteine in Ottensen auf mich wirkt, obwohl eine Einheitlichkeit nicht besteht, so aufdringlich und' prahlerisch wirken die monumentalen Denkmäler aus Marmor und anderen kostbaren Steinarten auf mein Gemüt, wenn ich an dem für die Reichen * bestimmten Teil des Mhlsdorfer Friedhofes vorbeikomme. Ich gebe zu, daß viele dieser Derckmälev künstlerischen wert besitzen, aber gehört die- Runft auf den Friedhof? Ist diese Stätte nicht dazu angetan, den Besuchenden an das Vergängliche alles Lebenden zu mahnen und ihn ernst zu stimmen? Da wirkt es unbedingt störend, b)enn man geradezu gezwungen wird, Betrachtungen über den künstlerischen wert" von Denkmälern anzustellen, und ich kann es den Minderbemittelten nachfühlen, wenn fie „mit Bitterkeit erfüllt" werden und sich sagen, daß die vielen Tausende, die solche kostbaren Denkmäler verschlingen, besser für wohltätige Zwecke hätten Verwendung finden müssen. Gerade die wunderbaren Friedhöfe in Genua und Mailand sind mir ein Beweis dafür, wie es nicht fein soll; hier ist keine Spur von Friedhofsstimmung, im Gegenteil, auf jedem Denkmal prangt mit großen Buchstaben der Name des Rünstlers, so daß man die Denkmäler eher als eine Reklame für die Hersteller betrachten könnte. wie anders wirkt der Friedhof am Lids bei Venedig auf mich ein, den Herr Dr. Simon jedenfalls auch kennt. wir Juden sollten uns der Nachahmung, christlicher Gebräuche und Sitten im Gottesdienst und anderen religiösen Handlungen enthalten, schon um den Antisemiten keine berechtigte Veranlassung zu geben, uns j)rotzen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.