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Liberales Judentum · 1920-03-01 · Heft 3-4 (März 1920) · p. Seite 26

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
Seite 26 (sequence 10)
Language
German
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26 Professor Dr. Simon Stern: Jüdische Gedanken rangen gibt, es kann davon abgesehen werden, daß nicht alle Mitglieder der Gemeinschaft eine Religion bekennen und betätigen, wie man auch von der einem Volke eigentümlichen Kunst spricht, obwohl sich nicht alle Mitglieder in der Kunst betätigen oder gleich stark betätigen und obwohl diese Kunst verschiedene Richtungen zeigt. Aeußere Einflüsse bewirken die Entwicklung, wenn der Entwicklung Raum gegönnt ist; wer kann sagen, wie sich das Judentum in Palästina entwickelt hätte, wenn es nicht schon fast zwei Jahrtausende ünter die anderen Völker zerstreut worden wäre. Es hat dadurch viele Erfahrungen gesammelt, viel kennen gelernt, viel sich betätigt, aber sein eigenes Gemüts- und Geistesleben konnte es in der .Zerstreuung nicht selbstherrlich gestalten. V. Eine Ablenkung des Geistes- und Gemütslebens begann schon mit der Herrschaft der Römer über Palästina. Es geriet in zwei neue Richtungen, die eine war das talmudische Judentum, das sich, weil ihm der Druck der Römer auf dem offenen Markte des Lebens .alle Wege versperrte, im Lehrhause, in den „vier Ellen der Halachah" entwickelte, und seine Frucht war die subtile Kasuistik und Dialektik. Die andere Richtung war die der talmudischen ganz entgegengesetzte antinomistische. Das antinomistische Judentum fand wohl den Weg ins Freie, verlor sich aber dort und fand den Weg nicht mehr zurück. Ls ging dem Judentum verloren. Rur die talmudische Richtung bewahrte selbst in der Zerstreuung dem Volke inmitten aller Bedrängnisse und Verkümmerungen Judentum und Gemeinschaft und die heiße Sehnsucht, auf freiem Boden alle Ideale frei entwickeln zu können. Denn nur dort, wo eine freie Entwicklung möglich ist, ist die Heimat des Volkstums. Den einzelnen Mitgliedern des zerstreuten Volkes fehlte nicht die irdische Heimat. Die besaß jeder in seinem vaterlande, auf jenem geheiligten Stück Erde, in dem sich die Gebeine seiner Eltern mit der Erde vermischen, um wieder Erde zu werden, und dieses Vaterland ist jedem Mitglieds des jüdischen Volkes so heilig, wie den Mitgliedern des anderen Volkes. Diesem Vaterlande gehört sein Patriotismus, er liebt es mit ganzem Herzen und ganzer Seele und er opfert dafür wie jeder andere Sohn des Vaterlandes Gut und Blut. Das Vater- 1 land und die Gemeinschaft, die man darunter versteht, gibt dem Einzelnen alles, indem es ihm die Existenzmöglichkeit gibt. Sie hat auch das Recht, am Zahltage alles dafür zu fordern. Damit.steht nicht im Widerspruch, daß I die jüdische Gemeinschaft als solche keinen I Raum besitzt, in der es sein religiöses Ideal l frei entwickeln kann, selbst wenn es — den un- 1 wahrscheinlichen Fall angenommen — allen | einzelnen Juden in der Zerstreuung gut ginge. -f) Die Sehnsucht des Volkes nach dem freien f Raum zur Entwicklung ist die Zionsliebe und / Zionssehnsucht, die nach Befriedigung suchen und die dem prophettschen Messiasideal soviel Wärme und religiöse Inbrunst ein- / hauchen: Die Vergesellschaftung aller Völ- < ker und Menschen, um das Reich Gottes auf X Erden und die gleiche Berechtigung der jüdischen Gemeinschaft unter allen anderen zu ' i verwirklichen. * Dieses Ideal allein gibt uns die Kraft bestehen zu bleiben und darf nicht aufgegeben werden, selbst, wenn es aufgegeben werden könnte. Denn, wieder gesetzt den unwahrj| scheinlichen Fall, es ginge allen oder den 1 allermeisten Juden in der Zerstreuung gut, * es würde keiner als Jude angefeindet und 1 zurückgedrängt, dann'wäre es freilich möglich, daß die Sehnsucht des Volkes nach dem freien * Raum für die Entwicklung seiner Ideale durch j das Wohlergehen der allermeisten Juden ert stickt und ausgelöscht würde. Dann wäre die | Assimilation vollendet, es gäbe aber auch kein religiöses jüdisches Ideal, das die jüdische Gemeinschaft in der Zerstreuung erhielte, da , ja eine "Funktion der Ideale -die Kräftigung - L und Erhaltung der Gemeinschaft ist. ' Das Judentum müßte dann sowohl als Volk wie als Religionsgenofsenschaft nach! und nach verschwinden. Ein Teil des Volkes würde das Religiöse des prophetischen Messiasideals aufgeben und sich dem Sozialismus zuwenden, der andere Teil den auf Erden zu verwirklichenden Teil des Messiasideals aufgeben und die herrschende Religion annehmen. Denn viele breite Straßen führen aus dem Judentum hinaus, und es gibt kein äußeres Machtmittel jemanden zurückzuhalten. Der! Weg ins Judentum istsolange nicht das Judentum seine Pforten weit öffnet, nur einer: Die Geburt, ein Weg, der nicht frei gewählt % wird, der uns aber Unser Wesen gibt. Darum I

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