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Liberales Judentum · 1920-03-01 · Heft 3-4 (März 1920) · p. Seite 25

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
Seite 25 (sequence 9)
Language
German
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Professor Dr. Simon Stern: Jüdische Gedanken 25° kann dem Judentum den demokratischen Charakter nicht ab sprechen, und sein demokratisches Wesen läßt es begreiflich erscheinen, daß die Bibel die Geschichte des Gottesvolkes mit dem Hinweise begingen läßt: „Sklaven waren wir alle dem Pharao, König von Aegypten." Nicht mythische Heroen und nicht Königssöhne sind die Stammväter des Volkes, sondern Sklaven!**) Das prophetische Messiasideal will die Kluft zwischen Volkstum und Menschentum überbrücken. Undenkbar ist es, sie ganz aufzuheben, denn weder kann das Volkstum im Menschentum, noch das Menschentum im Volkstum restlos aufgehen, ja nicht einmal kann eins dem anderen übergeordnet werden, weil das Prinzip der gegenseitigen Hilfeleistung auf beiden gleich stark beruht. Das Verhältnis zwischen Volkstum und Menschentum ist dasselbe wie zwischen Familie und Volk, wer seine Familie oder sein Volk aufgibt, ist überall fremd, auch im Menschentum, er hat eine unausfüllbare Lücke in seinem Gemütsleben und er hat einen Teil von dem in seiner Welt vernichtet, was in Jahrtausenden seine Ahnen für ihn geschaffen 'haben. Ls ist kein Zufall der Geburt, welcher Familie und welchem Volke man angehört, vielmehr eine notwendige Folge und Wirkung unzähliger Ursachen.' Was man ist, ist Man nicht durch sich, sondern durch seine Abstammung, und seder trägt die Erbschaft unzähliger Vorfahren; man kann all dies fortwerfen, aber nicht wegfchaffen. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der Gemeinschaft, der man durch die Abstammung verbunden ist, entwickelte sich wie Jedes andere menschliche Gefühl im Laufe der Jahrtausende und gehört zu unserem Wesen wie das Gewissen, wie das Schamgefühl, wie das Gefühl für Recht und Unrecht. Das ist ein biogenetischer Prozeß ohne eine Spur von Mystik oder Metaphysik. **) Mit dem demokratischen Wesen der biblischen Gesetzgebung hängt es auch zusammen, daß das am Sinai offenbarte Gesetz der Zustimmung des Volkes bedarf (Exod. 19. 8.) Die Institution des Jubeljahres war sicherlich zu dem Zwecke gedacht, um den Latifundienbesitz und das Aufkommen mächtiger Adelsgeschlechter zu verhindern. Hervorgehoben sei auch der Satz im biblischen Rechtsgesetz : Gleiches Recht sollt ihr haben, der Fremdling sei wie der Eingeborene. Lev. 24, 42. Das greift schon über die Demokratie hinaus und ist ein Schritt zur Vergesellschaftung aller Menschen. Alle Gemeinschaften der Menschen: Familie, Volk, Staat sind nicht willkürliche, sondern unbedingte, im wesen des Menschen begründete Forderungen des Prinzips der gegenseitigen Hilfeleistung. Als unserem wesen entstammend sind sie für uns wesenhafter und wirklicher als die realen Dinge, von denen wir nie ihr Wesen, nur ihre äußere Erscheinungsform kennen, die vielleicht Jeden und selbst einem und demselben zu verschiedenen Zeiten anders erscheint. Zeder Begriff hat einen Inhalt. Der Inhalt der Gemeinschaft ist nicht das Nebeneinanderfein -der einzelnen zur Gemeinschaft gehörenden Dinge, sondern auch ihre Leistungen und Schöpfungen, die sich in der Richtung des gegebenen Anstoßes infolge neuer äußerer Einflüsse innerhalb der Gemeinschaft immer weiterentwickeln: Wissenschaft, Kunst, Moral und Religion. Am ähnlichsten ist überall die Entwicklung der Wissenschaft. Ihre Lehrsätze beruhen ja auf Erfahrungen der Außenwelt, die allen auf gleiche weise zugänglich sind oder zugänglich gemacht werden können. Merkliche Unterschiede, die' sich aber auch durch den Verkehr der Völker untereinander immer mehr abschwächen und auch ganz verschwindet! können, treten in der Kunst und der Moral verschiedener Gemeinschaften auf! Die Moral wird stark von den Verhältnissen beeinflußt, unter denen eine Gemeinschaft lebt., Die Moral eines Herrenvolkes z. B. wird nicht ganz gleich der eines unterdrückten Volkes fein; das Herrenvolk wird sich mehr durch Energie und charaktervolles Selbstbewußtsein, das unterdrücktemehr durch Mitleid und zarte Rücksichtnahme auszeichnen. Je ähnlicher die Verhältnisse sind, desto ähnlicher wird auch die Moral zweier Volker sein. Ebenso zeigen sich Unterschiede in der Kunst, insbesondere in der Dichtkunst der Volker, weil Abstammung und Vererbung vom größten Einfluß auf die künstlerische Anlage sind. Am größten sind aber anfangs die Unterschiede in der Religion, die dem ganzen Geistes- und Gemütsleben entsprießt und weil Abstammung und Vererbung nicht nur wie bei der Kunst das Material beeinflussen, sondern hier das Material selbst sind. Die Religion und ihre Betätigung bringen unbestreitbar das jeweilige Geistes- und Gemütsleben eines Volkes zum Ausdruck. Von der SektenbildunL kann abgesehen werden, die nur Schattie-

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