Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Professor Dr. Simon Stern: Jüdische Gedanken Der einzige Gott ist der umfassendste und allgemeinste Begriff, die höchste Idee, )ind die Art und weise, wie man den Glauben an Gott in Bekenntnis und Gottesdienst, betätigt, bildet die Grundlage der verschiedenen monocheistischen Religionen. Die Antwort auf die Frage, wie die verschiedenen Bekenntnisse und Gottesdienste sich durchsetzten, ist der Inhalt der vergleichenden- Religionsgeschichte, und die Religionskriege bilden eines der schrecklichsten Kapitel der Geschichte. Ls bedurfte vieler Opfer, um den Grundsatz cujus regio ejus religio ins Wanken zu bringen und um zu begreifen, daß dieser Grundsatz auf einem Vorurteile beruhe. In Europa brachen schon im Mittelalter die M a u r e n in Spanien mit diesem Grundsätze. Unter ihrer Herrschaft lebten Mohammedaner, Juden und Christen friedlich neben einander. Mit dem Sturze der Araberherrschaft begann in Spanien die grausame Verfolgung der Nichtchristen, die ihren Höhepunkt im Jahre mit der Vertreibung der Juden und Mohammedaner erreichte. was Spanien dadurch verlor, läßt sich gar nicht ausdenken und ist ein Beweis, daß eine Gemeinschaft ebenso auf Irr- und Abwege geraten kann, wie ein Einzelner, mit dem Unterschiede, daß die Gemeinschaft auch die in das Unheil mitreißt, die diesen Abweg gar nicht betteten wollten. In der Gemeinschaft sind alle Mitglieder solidarisch verbunden. Im^ weiteren Sinne kann man auch von einer Solidarität des ganzen Menschengeschlechtes sprechen. Das ganze Menschengeschlecht genießt die Vorteile einer Entdeckung und einer Erfindung, die irgendwo gemacht wurde; aber auch eine Seuche, die irgendwo durch Nachlässigkeit entstanden ist, breitet sich in vielen Ländern aus. Wenn die Solidarität den Menschen klar zum Bewußtsein kommen und die menschlichen Handlungen leiten wttd, wttd man von einer Gemeinschaft des Menschengeschlechtes sprechen können; das wird die wahre Gesellschaft der Menschen sein, und sicherlich wird diese Gesellschaft nur eine Religion besitzen. Denr Messiasideal, der Propheten liegt dieser Gedanke der Vergesellschaftung aller Menschen zugrunde mit dem religiösen Unter- und Oberbau: Gott, der Vater und Herr aller Menschen, und die Menschen gleichsam Brüder und Schwestern. Das Prinzip der gegenseitigen Hilfeleistung in feiner höchsten Vollendung gedacht, statt der gegenseitigen Ausbeutung und . Aufzehrung. Das prophetische Messiasideal zeigt als Ziel ein Reich von dieser Welt. Den Propheten sind die Hindernisse bekannt, die einer solchen Vergesellschaftung der Menschen, der Bildung des Gottesreiches auf Erden entgegentreten. Sie zu überwinden, muß der Diener Gottes (das Volk Gottes) viele und schwere Opfer bringen, Schmähungen, Verfolgungen und. bittere Leiden erdulden; gilt doch der Diener Gottes der großen Menge als verfehmt, weil er anders ist als die Anderen, weil er d.em^ Egoismus und Machtgedanken widerstrebt und dabei so schwach erscheint, daß er kaum ein Rohr knicken, kaum einen Funken verlöschen kann. Aber seine Stärke ist das Vertrauen auf die Macht des Gedankens und der Ideale. IV. Das Messiasideal.hat im Läufe der Zeit Ablenkungen erfahren. Zuerst sollte der Exponent der Verwirklichung ein davidischer König sein. Etwa achthundert Jahre später entstand das stark pessimistische Christentum, das mit dem Worte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" die Verwirklichung des Ideals von dieser Welt in 'eine jenseitige, nicht irdische Welt verlegte.*) Die Menschen haben aber das Bestreben, auch auf Erden, glücklich zu' leben. Eine ändere Seite des prophetischen Messiasideals ist der Sozialismus, der es vom Religiösen losgelöst hat, wie es das Christentum vom Irdischen befreit hat. Christentum Und Sozialismus, beide haben nur eine Seite dieses Ideales, und darum wird das Judentum, das das ganze Ideal festhält, von beiden angefeindet. Ob das Ideal je verwirklicht werden kann, ist selbstverständlich eine unlösbare Frage, es hat aber denselben Wert, wie wenn es sicher verwirklicht werden könnte. Ls hilft dem Volke sittlich emporkommen, Leid ertragen, widerstände besiegen und bestehen bleiben. Das prophetische Messiasideal ist das Herz des Judentums, wie der Glaube an Gott, an die Unsterblichkeit und den ewigen wert der einzelnen Menschenseele der Geist des Judentums ist. Man *) Darum tritt es so oft in einen Widerspruch mit dem Leben dieser Welt, wie jeder Krieg einen solchen Widerspruch bedeutet. Es reicht nicht die linke Wange dar. wenn man es auf die Rechte schlägt, es gibt nM den Rock her, wenn man ihm den Mantel nehmen will und gibt überhaupt das Reich dieser Welt nicht Preis.