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Liberales Judentum · 1920-03-01 · Heft 3-4 (März 1920) · p. Seite 23

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März 1920)
Date
1920-03-01
Page
Seite 23 (sequence 7)
Language
German
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Professor Dr. Simon Stern: Jüdische Gedanken 23 oder auch aus Scheu vor der zunächst entstehenden Verwirrung. Das sind die konservativen Naturen zum Gegensätze von den Fortschrittlichen. Die Konservativen erscheinen den Fortschrittlichen borniert und, eigensinnig, die Fortschrittlichen den Konservativen revolutionär und plebeisch. Man darf allerdings Staub und Schmutz nicht vornehm und ängstlich scheuen, wenn man den Schutt auf dem Wege zur Bereicherung des Geistes wegschaffen will. Der Aberglaube ist das Vorurteil auf reli- .giösem Gebiet, er ist ein Stück Seeleninhalt, und dieser Rest der Religion vielleicht ganz Primitiver Völker ist schwer ausrottbar, weil die Furcht größere Macht über den Menschen hat als die Ehrfurcht. Ehrfurcht flößt nur das ein, was die Menschen veredelt und besser macht, denn nur dies ist heilig und religiös. Die Unterscheidung zwischen wahrer und -falscher Religion ist ganz irrig, ruft Verwirrung hervor, und darum erscheinen ja auch die religiösen Disputationen, die von dieser Unterscheidung ausgingen, so grotesk. Jeder Gläubige hält seine Religion, die er mit ganzem Kerzen, mit ganzer Seele und mit heißem -Glauben bekennt, für die einzig wahre, für die Religion und nicht für eine Religion; für den, der keine Religion bekennt, ist keine die wahre. Man darf nur unterscheiden zwischen richtiger und unrichtiger Religion, und richtig ist die Religion, solange sie Heilsames schafft und das Aufwärtskommen der Menschen fördert. III. Man sollte meinen, daß Religion und Wissenschaft ein friedliches Nebeneinandersein führen könnten. Beide aber bekämpfen einander, als wollte jede allein die Menschen beglücken, als wollte jede allein die ganze Arbeit verrichten und die andere im besten Falle nur als Handlangerin dulden, weil im "Laufe und als Folge der Entwicklung ein Gegensatz zwischen beiden entstanden ist. Die Wissenschaft muß immer bereit sein, jedes Urteil, das sich als Vorurteil erweist, aufzugeben, da es ihr Wesen ist, stets neue Erfahrungen als >ihr Baumaterial zu sammeln und "die alten Haken, die sich als rostig erweisen, herauszuziehen. Die Wissenschaft ist immer ^revolutionär oder wenn dieser Ausdruck ag- -gressiv klingt, weil er an Politik erinnert — evolutionistisch. Man dankt der Wissenschaft unmittelbar die Entwicklung des geistigen und mittelbar die Entwicklung des sozialen Lebens durch den Erwerb und die Bearbeitung neuer Erfahrungen'. Die Religion wieder gibt dem Leben Stil und Harmonie durch Bildung des Gemütes und Erziehung der Gefühle. Stil und Harmonie ist der Gegensatz jeder Unordnung, jeder Verwirrung durch plötzliche Umänderung. Die Religion ist konservativ, pietätvoll, bewahrt liebevoll selbst Vorurteile, indem sie ihnen eine gute Seite abzugewinnen trachtet. Aber trotz des Gegensatzes zwischen Religion und Wissenschaft hat noch nie eine Wissenschaft allein irgend eine Religion aufgelöst, denn diese hat das ganze Gemütsleben als Verbündeten. Auch die Religion ist für den Einzelnen ein Mittel im Kampfe ums Dasein, nicht um das nackte, sondern um ein stilvolles und harmonisches Dasein. Nur wenn die Religion der freien Geiftestätigkeit im Wege steht, ist das Leben stärker als sie, und das Gerüste wird abgebaut, wenn es den weiteren Aufstieg hindert. So hat der Monotheismus den Polytheismus besiegt, weil mit dem Glauben an einen Gott sich der Zusammenhang aller Naturerscheinungen besser vorstellen läßt als mit Glauben an viele Götter. Seit Kant wissen wir, daß der Glaube an die erste Ursache aller Dinge, an Gott, ein Postulat menschlicher Vernunft ist, und es ist gar nicht nötig. Beweise für das Dasein Gottes aufzustellen, die ebensoleicht widerlegt als aufgestellt werden können. Gesetzt den Fall, das Dasein Gottes wäre nur eine Hypothese, so ist der Glaube an die Richtigkeit dieser ebenso unbeweisbaren wie unwiderlegbaren Hypothese die einzige Möglichkeit, uns in der Welt der Erscheinungen ganz zurecht zu finden, die einzige Möglichkeit, das Dasein zu begreifen und die Fragen: woher? wohin? und wozu? beantworten zu können. Man kann fteilich auch leben, ohne sein Dasein zu begreifen, so wie viele auch ohne Kunst und Wissenschaft leben können. - Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Menschen auf all dies sicherlich nicht verzichten möchten, so wenig wie sie ein Leben außerhalb der Gemeinschaft aushalten könnten, weil sie eben menschliche Wesen sind und ein menschliches, ein inhaltsreiches und möglichst vollkommenes Dasein haben wollen.

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