Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3126481-3126600-3126602--2548-3129406- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
22 Professor Dr. Simon Stern: Jüdische Gedanken Die Religion, die Moral,*) die Kunst und die Wissenschaft. II. Alle Ideale können nur in einer Verbindung, in einer geordneten Gemeinschaft ersteben. Gebildet wurde die Gemeinschaft um der besseren Existenzmöglichkeit der Einzelnen willen als ein Mittel im Kampfe ums leibliche Dasein, bestehen bleibt aber die Gemeinschaft und alle Opfer werden für sie gebracht um des wertvollen geistigen Daseins willen, um alles durchzusetzen, was zur Entwicke- , lungsfähigkeit des geistigen Gebens gehört, also um der in der Gemeinschaft erworbenen Ideale willen. Es wirken dann wieder die Ideale auf die Erhaltung der Gemeinschaft zurück, sie erhalten und stacken sie und bringen sie zu immer höherer Entwicklung. So haben die Ideale eine zweifache Funktion: sie geben dem Leben des einzelnen Menschen Inhalt und weck, und der Gemeinschaft.sind sie wieder ein Mittel im Kampf ums Dasein. Es ist ebenso richtig zu sagen: die Menschen leben in einer Gemeinschaft, um eine geistige Welt zu schaffen, wie zu sagen, die Gemeinschaft schafft dem Einzelnen Ideale, damit sie bestehen bleiben kann. Bei den Idealen der Religion, Moral und Wissenschaft ist dies sofock einzusehen, bei der Kunst ist dies nur darum nicht so leicht ersichtlich, weil sie noch zu exklusiv und noch nicht genug entwickelt und verbreitet ist, um den Schönheitsdurst aller Menschen zu befriedigen. Den meisten Menschen bietet man statt Kunst nur Kunstsurrogate. Uns interessiert hier vor allem das Ideal der Religion und ihr Verhältnis zur Wissenschaft. bleute hat sich die Wissenschaft von der Religion vollständig losgelöst und ist vielfach in ein feindliches Verhältnis zu ihr getreten. hitzigere Disputationen werden zwischen den Vertretern der Religion und den Vertretern der Wissenschaft geführt als zwischen den Vertretern verschiedener Religionen. Die einen verteidigen ihren Glauben gegen die *) Die Moral bildet eine Gruppe für sich und ist nicht ein Teil der Religion, weil Wohl die Religion ihre Bekenner zu irgend einer Moral erziehrn will, dieselbe Religion sogar zu verschiedenen Zeiten zu einer verschiedenen Moral. Dann gibt es auch religionslose sehr moralische Menschen. angreifende Wissenschaft, die anderen bestreiten, daß sie den Glauben bekämpfen, sie wollen nur den Aberglauben lahm legen. Wo liegt aber die Grenzlinie zwischen Glauben und Aberglauben? Das Kriterium des Religiösen ist die Vsreounäia, die Ehrfurcht und die heilige Scheu vor höherem, und diese Ehrfurcht veredelt unbestreitbar den Menschen. Was aus Eingebung zu Gott oder selbst zu ' den Göttern geschieht, ist religiös; das Krite- - rium des Aberglaubens ist die Furcht und nicht die Ehrfurcht. Der Aberglaube ist nur der | Stiefbruder des Glaubens, und nicht selten sind ganz unreligiöse Menschen abergläubisch. Der Aberglaube, diese Erbschaft vergangener Zeiten, ist ein solch psychologisches Phänomen wie das Vorurteil und hat mit ihm auch den- , selben Erklärungsgrund.! Jedes Vorurteil galt einmal als allgey meine Wahrheit und als richtig aneckanntes Uckeil. Reichere Erfahrungen und bessere Erkenntnisse riefen Mißtrauen gegen dieses Urteil hervor und stürzten es endlich. Mit jedem Uckeil sind aber viele Anschauungen und Mei- -! nungen innig verknüpft und bei seinem Sturze jy muß der menschliche Geist um nicht in ^ver- 0, wirrung zu geraten, daran gehen, einen kleirj neren oder größeren Teil seines Inventars ' neu einzuordnen; das ist aber zumeist keine - einfache Sache. Mit dem geozentrischen vor- ' uckeil z. B. war die ganze Weltanschauung \ der Menschen verbunden, und es dauerte 1 lange, bis auch nur die Intellektuellen wieder ins geistige Gleichgewicht kamen, als das i koxernikanische System sich durchzusetzen begann. Nicht jede neue Erfahrung ist von der y Bedeutung des koxernikanischen Systems, aber \ auch der Glaube an Heren und Dämonen war so festsitzend im Geiste der Menschen, der Gelehrten und Ungelehrten, daß man nur durch Neu- und Umordnung des geistigen Inventars diesen Glauben aufzugeben vermochte. Eine jede Neu- und Umordnung schafft aber zunächst Unordnung, und das Sträuben gegen solche eintretende Verwirrung ist gut begreiflich. Das Voruckeil ist. ein rostig gewordener Haken, an dem vielerlei hängt, und man zieht trotz seiner Brüchigkeit diesen Haken nicht leichterdings heraus, da dadurch alles zusammenzustürzen droht. Viele lassen ihn, lieber stecken, weil sie die Energie zur besseren Neu- und Umordnung nicht aufzubringen vermögen