Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Professor Dr. Simon Stern: Jüdische Gedanken Ausnahmen, der große Rest besitzt statt Gesinnung — Gewohnheit, statt lVelt- und Lebensanschäuung —. ein gleichmäßiges.Hindämmern des Geistes. Die Religion der meisten Rlensch'en -ist eine Norm der Lebensführung, ohne eine klare Welt- und Lebenslanschauung, und sie reichen damit aus. Die Norm der Lebensführung verlangt die Unterwerfung aller Mitglieder, die zu einer Gemeinschaft gehören, denn die Norm . bildet das Band, das die Mitglieder umschließt, aus ihnen die Gemeinschaft bildet und der Gemeinschaft Bestand gewährt. Es bedurfte vieler Jahrhunderte, vieler Aufklärung, um den Unterschied zwischen Band und Fessel klar zu machen und um dies allen; klar zu machen, wird es noch langer Zeit bedürfen. ' So blieb es beim Bestreben der Iudenbekehrung; von Sdte der Geistlichkeit aus apologetischen Gründen, um durch die Besiegung der.anderen Religionen die Wahrheit der eigenen zu beweisen, von Seite der Staats- - lenker aus Gründen der Bequemlichkeit. Dem Staate, dem die Religion der beste und bily ligste Büttel ist und der ihr aus dieser Urfache immer Entgegen kommt, könnten die ver- . schiedenen religiösen Bekenntnisse der Bürger I ganz gleichwertig sein, wenn *es nicht beques mer wäre, einer als mehreren Religionen I; gerecht zu werden. Weder will die Religion I auf den Schutz des Staates verzichten, noch s der Staat auf die Beihilfe der Religion, und E das hat seine tieferen Ursachen. | Man vergleicht einen Staat mit einem 1}' Organismus, dessen einzelne Zellen die Indi- 8 viduen sind. Das ist Bild und Gleichnis. Bild 1 und Gleichnis helfen begreifen, sie sind eine 1 Krücke des Verstandes, und das Bild vom I Staate als Organismus macht uns das Zu- [ sammenwirken der Einzelnen, macht uns das Bestreben des Staates, immer größer und stärker zu werden, begreiflich; macht uns auch begreiflich, warum die Staaten Kriege mit-; einander führen. Das ist der Kampf ums Dasein im Großen und in der brutalen Form. Diesen Kampf -führen alle organische Wesen, und wenn der Staat in Wahrheit und nicht nur im Gleichnis ein Organismus wäre, | bliebe die Aussicht auf einen ewigen Frieden und auf eine messianische Zeit ein Traum.! Jeder Organismus bleibt nur durch den Kampf ums Dasein bestehen. Der Staat ist aber kein Organismus, sondern ein Begriff, eine Zusammenfassung vieler einzelner Dinge. Anstatt zu sagen: Menschen und Behörden, Soldaten und Schulen, Fabriken, Kanonen, Häuser, Flüsse, Wälder und noch tausend und abertausend Dinge sagen wir „Staat", wie kommt es nun, daß man den Staat, das Vaterland, diese Zusammenfassung der vielen, vielen Dinge, von denen man die allermeisten noch Nie gesehen hat, liebt und für diesen Begriff oft willig sein Leben opfert? Aehnlich geht es uns mit vie- - len Begriffen, wie Familie, Ehre, Religion und anderem. Alle diese Begriffe sind gleichsam aus einer Mehrzahl handgreiflich vorhandener Dinge abgezogen, sie sind Abstraktionen und haben nur im Geiste der Menschen ihr Dasein. Dabei üben sie eine größere Macht auf das Gemüt, beeinflussen es mehr als alle realen Dinge, und feit f)lato hielten viele tiefen Denker nur sie für wirklich existierend und das mit den Sinnen wahrnehmbare nur für Schein, für ein Abbild der Ideen. Keiner hält mehr platos Ideen für reale Dinge, aber doch existieren sie als der bessere und unvergängliche Teil der von den Menschen geschaffenen'Welt, die eine andere ist als die ohne ihr Zutun geschaffene. Der Mensch ist Bürger zweier Welten, der äußeren, in der er wie jedes andere organische Wesen hineingeboren wurde und in der er wie jedes andere organische Wesen um sein irdisches Dasein kämpfen muß. Die Menschen sind zugleich auch Bürger einer zweiten Welt, die sie sich im Laufe vieler Jahrtausende kraft ihrer geistigen Anlage selbst geschaffen haben; das sind die von ihnen geschaffenen Verhältnisse, unter denen sie leben und die Ideen und Ideale, fortgeerbt, vermehrt und entwickelt von Geschlecht zu Geschlecht. In dieser Welt lebt der Mensch sein nur ihm eigentümliches, sein eigentlich menschliches Dasein. Nur hier kann er geistige und gemütliche Befriedigung, das summum bonum finden. Fassen wir die Ideale zusammen, so unterscheidet man bald vier Gruppen, die den Inhalt des menschlichen geistigen Daseins zum Unterschiede von seinem Leiblichen bilden: