Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Professor Dr. Simon Stern: Jüdische Gedanken o o o o die Juden — freilich gegen ihren Willen und gegen ihre Anschauungen vom ewigen Heile — des großen Heiles, als deren alleinige Inhaberin die Kirche galt, teilhaft werden zu lassen, und den Juden fehlte nichts dazu als der Glaube an das Trinitätsdogma, gleichsam nur ein wenig Taufwasser. Wie eigensinnig borniert, wie verstockt und bösartig mußten die Juden erscheinen, die alles Leid und alle Erniedrigung, Folter und Scheiterhaufen, Austreibung und Tod nur infolge ihres irrigen Glaubens und ihres vom Teufel eingegebenen Hasses gegen Christum auf sich nehmen. Die Römer nannten die Süden Atheisten, die Christen nannten sie Verfluchte.' Wenn man die Verfolger gefragt hätte: „Was geht das Luch an? Die Süden tun euch nichts, laßt säe laufen und ohne Aussicht auf das jenseitige Heil leben und sterben!" so hätten ße geantwortet: „Die Nächstenliebe gebietet uns diese Grausamkeit gegen Menschen." An diesem.Widerspruch erlahmte die religiöse Disxutation und das Dogma. Sie erlahmte, aber.hörte nie ganz auf, da nun einmal das Christentum im Sudentum entstanden war. Die Disputation trat endlich nicht mehr in der grotesken Gestalt auf, daß vor einem parterre von weltlichen und geistlichen Fürsten, Rabbiner und Geistliche eine theologische, uferlose Zänkerei über die Deutung eines Satzes oder nur eines Wortes in der Bibel aufführten, literarisch jedoch geht der Streit bis heute weiter, ohne daß einer den anderen überzeugen kann. Denn man geht ja mit feiner festen, fertigen und unumstößlichen Ueberzeugung zum Streite. Sede der Parteien will belehren und nicht belehrt werden, und selten ist ein Wort so eindeutig und noch dazu in einer fremden Sprache, daß es nicht verschiedene Auslegungen zuließe. Das ist ein Vorteil für die Entwicklungsgeschichte jeder geoffenbarten Religion, weil jede neue Entwicklung sich auf eine Deutung des Bibelwortes berufen kann und auch dem Rationalismus ist dadurch zum Eintritt in die Religion Tür und Tor weit geöffnet.*) Der Nachteil steht chiesem Vorteil gegenüber, daß die Mehrdeutigkeit des Wor- / tes der Sektenbildung unermeßlichen' Raum/ gibt, wie jener Engländer auf die Frage, welcher Sektenbildung er angehöre, antworu tete: „Mein Sohn und ich bilden eine eigene jj Sekte, doch hat mein Sohn in einigen wichjj Ligen Glaubenssätzen eine von der meinigen!> abweichende Anschauung."!) Das Gegengewicht gegen zentrifugale | Lehrmeinungen bildet die Tradition, und dast rum erhielt sie einen fast so heiligen Charakter, ■, ] wie die geoffenbarte Lehre selbst. Der tal-, mudische Ausdruck hierfür lautet: Die Tradi-fst tion ist göttlich (Thora schebealpe misinai); jede j j andere Auslegung ist menschliche Willkür. Da gegen kann kein Beweis geführt werden und!i! keine Disputation aufkommen, die die Annähme eines ungeglaubten Glaubens und Im Umtausch des Ewigen, Göttlichen und Un-; verrückbaren gegen Menschliches, Srdisches j und Willkürliches verlangt. Auf solchem! Standpunkt stand jede der beiden Parteien;! < bei diesem Kuriosum von Wettstreit konnte j die eine Partei nur dadurch .beweisen, daß/ ' sie die bessere sei, weil sie die stärkere war;! und auch.hier hieß es: „Willst Du nicht mein) Bruder fein, schlage ich Dir den Schädel j ein." Verschmähst du ewiges Heil und Seligkeit, wie, ich sie anbiete, nimmst du nicht) meinen Glauben an, so vernichte ich dich mit) Feuer, Wasser und Eisen oder ich treibe dich) aus derir Lande, oder ich dränge dich aus allen/ freien Berufen lins Ghetto hinein. Das ist die) traurige Kehrseite des Kuriosums, und sie! hängt mit-dem Wesen der Religion zusamtnen., Die Religion ist eben nicht nur eine Welt-/ und Lebensanschauung wie irgend ein xhilo-j sophisches System,!sie ist auch eine gebieterische^ Norm der Lebensführung und mehr» noch Lebensführung als Welt- und Lebens-! anschauung. j Beim harmonischen Charakter decken sich) Lebensführung und Welt- und Lebensanschau-) ung vollkommen, und der in Gesinnung und,! Tat wahrhaft Fromme, ist ein solch! harmo-j irischer Charakter. Die harmonischen Lha-) raktere wachsen aber nicht wild, sie sind die) i *) Unter den jüdischen Religionsphilosophen hat Maimonides den ausgiebigsten Gebrauch davon gemacht) mn die damalige Wissenschaft restlos in das Judentum einzusühren. Da die Wahrheit nur eine ist, deduziert! Maimonides, die Bibel wie die Wissenschaft Wahrheit verkünden, müssen beide übereinstimmen. Wo ein B'bel-! satz einer unwiderlegbaren wissenschaftlichen These, also einer Wahrheit zu widersprechen scheint, ist der Bibel-, sah durch eine richtige Deutung mit der Wissenschaft in Iebereinstimmung zu bringen. Wenn die Ewigkeit der Materie unwiderlegbar bewiesen wäre, mühte selbst der erste Satz der Bibel: „Im Anfänge erschuf Gott Himmel und Erde" durch Deutung in UebereinstimmÄlg damit gebracht werden. ) ALL