Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Professor Dr. Simon Stern: Jüdische Gedanken 19 hätten, keinen Religionsunterricht mehr empfangen. Soll diese gesamte Blüte unserer Jugend dem Indifferentismus überlassen werden? Ist es nicht notwendig, ihr zu beweisen, daß die strengen Speisevorschriften und die Erschwerungen der Sabbatbeobachtung nicht Grundlage, sondern nur zeitlich bedingt gewesene Erscheinungsformen des Judentums sind? wie den Kriegern, geht es auch den Heimgebliebenen. Wer Augen hat, der sieht, ^wie groß der Umschwung in den religiösen /Anschauungen durch den leider ,so langen Krieg geworden ist. Am Anfang des Krieges herrschte die Ansicht, daß das religiöse Gefühl neu erwacht sei, die Bethäuser waren gefüllt, es ging eine Sehnsucht nach Gott durch die Gemeinde. Das hat sich gewaltig geändert; j-fo manche Hoffnung wurde jäh begraben, so ' Vieler Vertrauen wurde erschüttert. Zweifel und Verzweiflung erhoben ihr Haupt, Haß wurde erweckt, Gleichgültigkeit gegen Leiden (Anderer erwuchs, Gewinnsucht und Eigennutz breiteten sich aus. Die Lebenshaltung wurde immer schwieriger, der Widerstand gegen. ^Verlockungen immer geringer. Von Monat 1 zu Monat wuchs die 'Zahl derjenigen, die! mit ihren früheren Gewohnheiten brachen,! sich der Beobachtung der religiösen Vorschriften entzogen. Namentlich rascher Erwerb auf der einen Seite und die verlockenden Angebote des Schleichhandels auf der anderen brachten viele Aenderungen hervor. Alle diese Leute haben jedoch ihre Lebensführung nicht aufgrund ihrer Ueberzeugung und ihres Wissens geändert, sondern teils aus wirklicher oder vermeintlicher Not, teils aus Genußsucht und Widerstandslosigkeit. Und diese Leute, die bis dahin an hergebrachten Gebräuchen hingen, weil sie darin die Religion sahen, wechseln mit den Gepflogenheiten auch die Gesinnungen. Im Bewußtsein, Sünder zu sein, sündigen sie weiter, die richtige Grenze können sie nicht ziehen, Aufklärung und Belehrung erhalten sie nicht. Sie werden indifferent und erziehen ihre Kinder im Indifferentismus, denn sie haben den religiösen Halt verloren. Auch diese könnten dem liberalen Judentums gewonnen werden, im Sinne des Liberalismus religiöse Juden bleiben, wenn sie von ihrem 'Sündergefühle befreit würden, wenn sie überzeugt würden, daß das Judentum auf ewigen Wahrheiten und höchsten Sittlichkeitsgeboten beruht, die Erscheinungsformen aber nur erzieherisches Beiwerk, nicht Kernpunkt und Grundgedanken sind. Darf sich das liberale Judentum dieser Not gegenüber in vornehme Zurückhaltung hüllen? Jüdilche Gedanken. Von Professor Dr. Simon Stern, Rabbiner in Saaz. I. Disputationen, die am Ausgange des Mittelalters zwischen Rabbinern und katholischen Geistlichen (zumeist getauften Juden) abgehalten wurden, erscheinen heute nur'; dem Historiker und Kuriositätenfreund interessant; weder wird ein Jude in den Aufzeichnungen solcher Disxutationen Stärkung und ' Befestigung seines Glaubens suchen, noch ein Iudenmissionär feine Waffen zur Bekehrung der Juden aus ihnen holen. Jeder weiß cheute, daß die christliche 'Ethik, aber nicht die christliche Trinitätslehre ihre Quelle in den 2% Büchern der jüdischen Bibel hat und jeder muß zugeben, daß die Ethik des Talmud,!'die auch' keine andere Quelle als diese Bibel -hat, sich im allgemeinen von der christlichen L Ethik nicht unterscheidet. Die Sittenlehre der Propheten bildet in der Entwicklungsgeschichte der Moral einen Höhepunkt, der von der menschlichen Gesellschaft auch heute noch nicht erreicht wurde. 'In den Disputationen des Mittelalters wird auch wenig über das Sittengesetz debattiert, erst später richtete man gegen die talmudische Ethik Angriffe wie z. B. Eisenmenger im „Entdecktes Judentum" und erst dem modernen Antisemitismus blieb es Vorbehalten, mit schmutzigem Sinn in der Bibel herumzuschnüffeln, um dqs Bild der Patriarchen zu begeifern. Die religiösen Disputationen, die die Bekehrung der Juden bezweckten, hatten vielleicht die menschenfreundliche Ursache, auch