Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Joseph Kauffmänn: Forderungen der Gegenwart und es wird keines geben," sie wollen aber die Jeremonialgesetze nicht neu ordnen, nicht einen liberalen Schulchan aruch schaffen, sondern öjg Entwickelung frei und flüssig erhalten. Auch dies ist von ihrem Standpunkte aus verständlich, aber damit ist nur ihnen, nicht anderen gedient. Der Rabbiner mag, kraft seiner Kenntnisse, in der Lage sein,' Gültiges und Notwendiges von Unnötigem und zeitlich Bedingtem, daher nicht mehr Erforderlichem zu unterscheiden, der Laie vermag das aber nicht. Für diesen liegt daher in dem weiteren Ausspruch! der liberalen Rabbiner: „wer es Hallen will, mag halten, wer nicht will, hält es eben nicht", eine Quelle für 'Zweifel, Unruhe und Bedenken. Es kommt noch hinzu, daß, auch die liberalen Rabbiner in der Beobachtung der traditionellen Vorschriften, die den Einzelnen betreffen, nicht sämtlich gleiche Wege gehen. Daher kann der Laie sich auch nicht nach dem Vorbilde der Rabbiner ein klares Bild über das, was für das religiöse Leben des Einzelnen unerläßlich ist, schaffen. Die Rabbiner wollen doch nicht nur Lehrer des Sittlichen, sondern des Judentums sein, und wenn es kein Judentum ohne Zeremonial geben kann, dann ist doch auch eine Belehrung über dieses erforderlich^ Diese Belehrung kann dann doch aber nicht von jedem Rabbiner oder Lehrer von seinem subjektiven Standpunkte aus erfolgen, sie muß eine einheitliche, gleichmäßige sein, wenn es ein einheitliches liberales Judentum und nicht 60 oder noch mehr liberale Iudentümer -eben soll. Für diejenigen Laien, die sich' glatt über jedes Zeremonialgesetz hinwegsetzen, bedarf es freilich keiner Belehrung, diese haben sich' bereits ihren Standpunkt selbst geschaffen. Aber erforderlich' ist eine Belehrung und Klarstellung für das Heranwachsende Geschlecht, das erst eine Religionsauffassung und Lebensanschauung erwerben will. Die Jugend hat das Recht, Aufklärung zu fordern, sie will und muß wissen, welche Gründe für oder gegen die Beibehaltung, Milderung oder Abschaffung von Zeremonialgesetzen sprechen. Die liberale Jugend lebt nicht abgeschlossen für sich, sie kommt täglich in Berührung mit Altersgenossen, 'die nach anderen Anschauungen erzogen werden; sie weiß, daß von anderer Seite der liberale Jude abtrünnig genannt wird, sie muß wissen, daß sie mit Fug und Recht sich als religiöser Jude fühlen und erklären kann, muß die Gründe kennen, die sie gegenteiligen Behauptungen entgegenstellen kann. Nur Wahrheit und Klarheit vermag die Jugend für das liberale Judentum zu . begeistern. Aber, auch für solche ältere Laien, die zwischen den Parteien schweben, ist eine offene Darstellung erforderlich. Sowohl die Zahl der wirklich aus Ueberzeugung und Kraft ihres religiösen Wissens orthodox denkenden Juden, wie auch derer, die sich mit Bewußtsein und aus gefestigter Lebensanschauung liberal nennen, ist keine erhebliche; die große Mehrzahl ist gleichgültig oder hängt aus Gewohnheit an überkommenen Gebräuchen, ohne nach deren Wert und Grund zu fragen, sie ist nur Mitläufer, zählt nur, aber wiegt kn religiöser Beziehung nicht mit. Wenn das liberale Judentum die Massen für sich gewinnen will, dann muß es auf sie wirken, muß sie belehren und aufklären, muß zu ihnen herabsteigen und sie heranziehen. Zu keiner Zeit hat sich eine so geeignete Gelegenheit zur Verbreitung der liberalen Ideen geboten, wie jetzt. Die Kriegsjahre sind von einschneidendem Einflüsse auf die religiösen Anschauungen und Gewohnheiten geworden. Viele Tausende unserer Brüder und Sohne standen jm Felde, mit wenigen Ausnahmen haben sie während des ganzen Feldzuges auf die Ausübung von Zeremonialgesetzen verzichten müssen, besonders die Einhaltung der Speisegesetze und die Beobachtung der Sabbatvorschriften war ihnen unmöglich. Sie chaben sich davon entwöhnt, und nur wenige sind nach dem Kriege zu ihnen zurückgekehrt. Es dürfte aber eine Täuschung sein, wenn man annehmen wollte, daß sie, natürlich mit Ausnahmen, auch ohne die Zeremonjalgesetze, in denen sie zum großen Teile erzogen sind, religiöse Juden bleiben würden, sie werden gleichgültig gegen jedes religiöse Leben werden, weil sie in den Zer»-' monialgesetzen den Kernpunkt des Judentums sehen, weil sie von dessen ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgedanken wenig wissen; haben sie doch in dem Alter, in welchem sie Verständnis'für höhere Fragen gehabt