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Liberales Judentum · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 5

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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0.0 0 Ü Dr. Emil Spiegel: Von der Notwendigkeit jüdischen Wissens r' Ä bilden keineswegs geschlossene Einheiten, sondern gehen in mannigfachen Schattierungen und Kombinationen überall in einander über. Melcher Gegensatz nun ckber zwischen den gerade zuletzt genannten Gruppen der bloßen j)ietäts-Iuden und jenen arinen Flüchtlingen aus dem Osten, die wir in den letzten Jahren kennen gelernt haben! Bei diesen unseren polnischen Glaubensgenossen hat das Judentum eine ganz andere Gestalt als selbst bei unseren Orthodoxen. Der allgemeinen Kultur gegenüber verhalten sie sich^ dauernd ablehnend, ihr ganzes Leben zeigt schon in allen Äußerlichkeiten einen vollkommen fremdartigen Charakter. Scheuen -sie doch, trotzdem sie sich dadurch der ihnen immer wieder drohenden Verfolgung nur umso deutlicher kenntlich machen, nicht davor zurück, sich schon in jihrer äußeren Gestalt von ihrer Umgebung aufs schärfste abzuheben! Dabei aber entspricht dieser äußeren Fremdheit auch eine völlig eigenartige, selbstständige Geisteskultur; oder richtiger gesagt, sie entspricht ihr nicht. Denn, wenn jenes Aeußere selbst auf uns oft geradezu abstoßend wirkt, so zieht jenes Innere, ihr völlig selbstständiges Geistesleben, uns immer wieder an. Dabei scheint dieses nur für den ersten Blick ein einheitliches zu sein. Tatsächlich gibt es auch hier eine mannigfache Gliederung, vor allem jenes eigenartige Leben des Chassidismus, eine Versenkung in die Mutteraründe dbr Religion, die in Einem von rationalen Schranken nicht gehemmten Erleben Gottes F>en Schwerpunkt der lebendigen Religiosität sucht und findet, und daneben ein rein verstandesmäßiges Talmudjudentum, das' in seiner' starren Gesetzlichkeit jener chassidischen Mystik geradezu feindselig geenübersteht! ' Und ist damit etwa das Bild des Judentums in der Gegenwart, wenn auch nur in den gröbsten. Umrissen, abgeschlossen? Keineswegs! Denn da ist ja endlich auch noch jene große, vor etwa einem Vierteljahrhundert einsetzende Bewegung, die das gefckstchlliche Wesen des Judentums im rein volklichen zu erkennen glaubt und in der stärksten Betonung dieses Momentes, in der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes, . insbesondere auf dem Boden Palästinas, die einzige Bürgschaft für dessen Zukunft erblicke Aber auch hier nichts einheitliches, auch hier die mannigfachsten Wandlungen und verschiedensten Richtungen in lebhaftestem Wettstreit miteinander! Und fo hat Schammai vielleicht doch recht getan, als er jede Belehrung über das Judentum in so lapidarer Form ablehnte! Sieht sich doch der junge Jude, dem es mit seinem willen zum Judentum ernst ist, derart ^ncht nur vor die verwirrende Fülle der Geschichte, sondern auch vor die nicht weniger verwirrende Mannigfaltigkeit einer bis Ins tiefste erregten Gegenwart gestellt und so zw eindringlichem Studium beider lebhaft aufgefordert! Denn alles das, was hier in kurzen Strichen gezeichnetest, fühlt und empfindet sich als Judentum, »ja geradezu als das Judentum. Und wie immer der Einzelne ^fich zu den verschiedenen Auffassungen stellt, und wie sehr er auch die seinige für die allein richtige erkennt und an ihr festhält, er wird dennoch nicht den Mut aufbringen, irgend einer dieser so weit auseinandergeh mden Richtungen das Judentum völlig abzusprechen. Ja, das ist vor allem bedeutsam, er wird dies umsoweniger tun, je mehr er vom Judentum und von dessen Geschichte in sich ausgenommen hat. Und das ist darum vor allem unsere Aufgabe: in allen diesen verschiedenen „Iudentümern" — schon das Wort 'allein ist ein Unding — das Gemeinsame, das eine Judentum, oder, was dasselbe ist, die eine, alle verbindende Idee aufzusuchen und über aller Vielfältigkeit ihrer wechselnden Erscheinungsformen unverbrüchlich festzuhalten. Hat also Hillel doch wiederum nicht so ganz Unrecht gehabt? Oder hat er letzten Endes vielleicht doch noch mehr das Recht auf seiner Seite als Schammai? Sehen wir uns einmal jenen Satz, den er den Heiden lehrte, des Näheren an! „was Dir verhaßt ist, das tue auch einem Anderen nicht?" Zunächst eine rein--praktische Sittenregel; wenn wir sie aber auf ihre Grundlage untersuchen, so finden wir, daß das gleiche Recht des Anderen, des Nächsten, also das gleiche Recht aller Menschen, ihre stiklschweigende Voraussetzung bildet. Es ist der Gedanke von der einen Menschheit; von der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, in dem jene Maxime wurzelt, jener Gedarcke, der schon >in den ersten Kapiteln unserer Thora, bei der Erzählung von der Erschaffung der beiden ersten Menschen ' -

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