Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 ' Dr. Emil Spiegel: Von der Notwendigkeit jüdischen Wissens Von der Notwenäigkeit jüdifdien Wifiens. Von Dr. Emil Spiegel-Prag. ls ein Ljeide sich an S dj a m m a i. und Hillel wendete mit der Bitte, ihn das ganze Judentum, so lange er auf einem Beine stünde, zu lehren, wies ihn der strenge Schammai schroff ab, der sanfte Lsillel aber, in Erfüllung seines Wunsches, prägte >das Wort: „was Dir verhaßt ist, das tue auch einem anderen nicht. Dies ist das Gesetz und alles andere jj|'t bloß die Auslegung!" Ein geistreicher Lehrer fügt dieser Erzählung die Bemerkung bei: „Das Judentum, das Killet hier lehrt, steht auch nur auf einem Bein." Das Judentum läßt sich nun einmal rächt, ohne daß man ihm Gewalt antut, in einen einzigen Satz zusammenpressen, weder Ln eine praktische Lebensregel, noch auch in eine lehrhafte Formel. Denn es ist weder etwas Einfaches noch etwas Abgeschlossenes. 'Es ist vielmehr einerseits ein weitläufiges Gedankengebäude, eine Lehre oder, wie der hebräische Ausdruck lautet, eine Thora. Dieser Lehre aber entspricht andererseits ein \ Dickliches Leben, ein Leben, das eine mehri aufendjährige Geschichte hat. Die Lehre elbst hat Geschichte gemacht, und die! ' Geschichte ihrerseits hat die Lehre fortent-! wickelt. Unsere Lehre hat .demgemäß selbst eine Geschichte und unsere Geschichte muß! eine Lehre für uns haben. Beide müssen wir! kennen lernen, wenn wir die Gegenwart begreifen, an der Vergangenheit uns aufrichten und an der Zukunft Mitarbeiten wollen. wie alle die verschiedenartigen Teile der Bibel in einem Zeitraum von etwa einem Jahrtausend entstanden und schließlich zu dem Buche der Bücher vereinigt wurden, wie jene einzigartige Enzyklopädie des Talmud, jene über Jahrhunderte sich erstreckende Diskussion über alle Gegenstände der Welt und des Lebens zu Stande kam, wie in der arabisch-spanischen Glanzepoche insbesondere durch Sa ad ja Gaon und Moses ben Maimon unsere klassische Religionsphilosophie begründet r wurde, wie Moses Mendelssohn, allzeit gesegneten Andenkens, das jüdische Dornröschenaus seinem jahrhundertelangen Ghettoschlafe erweckte und seine deutschen Glaubensgenoffen und durch diese die Juden der ganzen - Welt der allgemeinen europäischen Geisteskultur wieder zuführte, all das, um nur das ';U wichtigste zu nennen, muß ein Zude irgend- ’tj wie kennen lernen, wenn er nicht in dem Zu- . dentum, in das er hineingeboren wurde, dastehen soll, wie ein Mensch, der unversehens '$ mit verbundenen Augen auf den verkehr- ( s reichsten j)latz einer fremden und volkreichen Stadt gestellt würde. - j - Denn verwirrend in seiner vielfältig- -1 keit ist dieses Judentum .der Gegenwart wahr- L;| sich genug. Da ist wenn auch nicht,allzu stark "M an Zahl, so doch umso fester' in der Gesinnung vorerst die orthodoxe Gruppe, jener 'j geschlossene Kreis von Züden, die die verbindung mit der allgemeinen Geisteskultur. g. restlos eingegangen sind, die aber gleich?- y' wohl an der durch das Gesetz bis ins { kleinste geregelten jüdischen Lebensordnung, t allen Schwierigkeiten des modernen Lebens zum Trotz, unverrückbar fefthalten. Da ist > ferner die große Mehrzahl der Juden, die sich immer mehr auf die Grundideen des Zudentums zurückzieht und, wenn sie auch > vieles, vielleicht viel zu vieles von der jü- . dischen Lebensordnung preisgegeben und an jüdischem Wissen eingebüßt hat, dennoch mit *s anerkennenswerter Festigkeit am Judentum festhält und für seinen Bestand und seine ( Größe wirkt. Dabei ist schon hier eine über- H aus große Mannigfaltigkeit. Zunächst die lib e- | ralen Zuden, die in ermaNn Tohen, denr vor zwei Zähren dahingegangenen großen jüdischen Denker, ihren geistigen Führer verehren und mit ihm in dem jüdischen' Monotheismus und in dessen Krönung, dem Messianismus, den Herz- und Schwerpunkt des Zudentums sehen; dann jene, die rein gefühlsmäßig einen Teil des Zeremonialgesetzes fallen gelassen haben, während sie ebenso gefühlsmäßig einem andern Teile noch immer die Treue Hallen; weiter jene, für die das Zudentum lediglich' eine Konsequenz des gemeinsamen Stammesbewußtseins oder eine durch die gemeinsame Geschichte geschaffene Kulturgemeinschaft bedeutet; endlich alle diejenigen, die nur noch durch Bande der j)ietät oder durch die gemeinsame Verfolgung mit der jüdischen Gemeinsck^ft sich verbunden fühlen. Alle diese Gruppen aber