Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3126481-3126600-3126601--2528-3129385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ät o o" Dr. Caesar Seligmann: Zum neuen Jahrgang s M -——“—!----- T> saufen, die Hämmer pochen, die Kurbeln .]/ . rasen, die Funken sprühen, die menschlichen p: Schöpfungen Tag und Nacht atemlos am £> Merke — zu dem einen Ende nur, Mord und Brand wie rote Flammenbäche über den Erd- 11/ ball zu ergießen! Als wenn alle Erfindungen H nur äufgespeichert worden wären zu diesem^ .Tag des hereinbrechenden Verderbens. 's. Aber bedurfte es erst dieser Meltkata- 4 ftrophe, um uns den Fluch des Mechanismus G - und Materialismus vor 'die Seele zu führen? M . Um uns in der Vergötterung der technischen jj* Kultur unseren furchtbarsten Feind schauen zu lassen? AMo ist denn das versprochene Glück in % den vergangenen Friedenstagen geblieben? .K' Mo blieb denn der innere Friede und die innere Freiheit, die Kultur der Persönlichkeit, W die stille Zufriedenheit unter der lähmenden, fii atembeklemmenden Herrschaft dieses eisernen •fc Traunen? Knirschte es nicht und gärte ) dumpf und grollend unter den Sklaven der ) Maschinenhallen und Fabriken? Rüttelten ji mcht eiserne Fäuste an dem f)runkbau der t- Kultur, die nur möglich ward durch .den Sklavendienst von Millionen, die keuchten, fedamit wenige schwelgten? Mar die Gesell- A schaft nicht innerlich zerrissen, zerklüftet, wie K »roch memals in dev Weltgeschichte? Zu tz' Tode gehetzt, knirschend die Linen; in Luxus i und Uebermut und «dennoch innerlich glücklos die Anderen? Mar ncht.die Axt an die Y Wurzeln des Baumes gelegt? wälzte es, I sich nicht drohend heran wie verderben? So sah es aus in dem verheißenen Lande des Friedens und des Glückes, auf dev seligen Insel Nova Atlantis, dem Paradies voll Lrdenglückes! Ls geht nun einmal nicht ohne die tiefen ) tragenden Mächte der sittlichen und religiösen J Kultur. - j Mir waren uns allzulange nur des einen ( Webs bewußt: der Ueberwindung der äuße- I ren Not, der Schätzung äußeren Genusses, 1 der Häufung materieller Lebensgüter. Mir Vhatten so viel irdische Dinge zu erjagen, daß uns nicht Zeit und Kraft und Sinn blieb, einen Blick in das eigene Innere hinein- P zuwerfen, ob da Ordnung, Sammlung, Selbstbesinnung, Reinheit"'herrsche. Die Quellen sittlichen Ernstes, glaubensstarker Innerlichkeit, die uns Lebensschwüng und unserem Dasein ebenmäßigen Rythmus gaben, lagen in uns verschüttet. Die großen tragenden Gedanken, die Lebenstiefe, die ihre Wurzeln m einem andern, unsichtbaren Reiche hat, aus dem sie sittliche Kräfte, Macht der Selbstbeherrschung, Harmonie und Sabbatstille schöpft, waren uns abhanden gekommen. B« all unserem Reichtum waren wir arm geworden, bei all unserem Missen von der Welt geistig heimatlos und sittlich wurzellos. Der Sinn für das wichtigste und Wesentliche war uns verloren gegangen. Mir hatten in dem Getriebe der Nützlichkeit die Krone der wahren Lebenswerte weggeworfen. Mas konnten wir so erreichen? Lm Treiben ohne Halt und Ziel und darum ein Leben ohne Glück und Frieden. Und nichts anderes kann uns helfen als die Selbstbesinnung auf die sittlichen Gewalten der Seele, als die innere Erneuerung des Lebens. Nichts anders, als daß wir unseren Lebensbau auf neuen Fundamenten errichten. Diese Grundvesten aber sind nicht Technik und äußere Leb ensb eherrschung, som dern die Herrschaft über uns selbst, die Lin kehr Ln unser stilles göttliches Ich. f Die Religion pocht aufs neue an der Türe des Lebens, um sich dem Leben zu vermählen, um es mit -Sabbatweihe zu durchdringen. Und das ist.der Trost und das Licht in dieser furchtbaren Zeit, und das ist die Versöhnung mit allem Leid und Grauen, daß hell aus dem Dunkel der Gegenwart ein leuch Lender Strahl, der Zukunft bricht: Nicht messianische Ideal der äußeren Kultur, der wir so lange einseitig huldigten, sondern in Verbindung und Versöhnung mtt ihr das sittliche Ideal der großen Propheten Israels wird der Menschheit das. messianische Hei! bringen. Umkehren muß unsere Zeit, um auf neuen, vor Alters gewiesenen Wegen, ihr Glück zu suchen und zu. finden. Auf den ewigen sittlichen Gottesmächten muffen wir den Turm der Menschheit bauen, auf jenen Fundamenten, die das Mort des Meisen, Simon Sohn Gamliels, nennt: „Auf Wahr-- heit, Gerechtigkeit und Frieden."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.