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Liberales Judentum · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November 1919) · p. Seite 82

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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o « 82 Dr. Eduard Baerwald: Zum Andenken j scher Staatsbürger jüdischen Glaubens ins j Leben 'gerufen und ist vielfach für den Verein auch anderweitig tätig gewesen. Jede zeitgemäße Reform innerhalb des Judentums? fand Ln ihm ihren Förderer und als überj zeugter Liberaler wurde er'einer der Väter der Bewegung, aus der der Frankfurter freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben und die Synagoge an der Konigsteinerstraße mit ihrem modernen Gottesdienst hervorgegangen sind. Endlich geht auch die Begründung und die gedeihliche Wirksamkeit deS Verbands der deutschen Juden zum guten Teil auf ihn zurück. Ueberall setzte er seine reife Erfahrung, fein klares Urteil, seine jeder Phrase abholde und dabei doch oft hinreißende Beredsamkeit in den Dienst jüdischer Interessen. Aeußerlich ^erschien er scharf und kantig, oft von urwüchsiger Grobheit und Einseitigkeit. Bewußt lehnte er alles ab, was seiner Natur konträr war, und wenn er kämpfte, kam es ihm nicht darauf an, das Wesen deS Gegners zu erkennen oder dessen Standpunkt gerecht zu werden. Es ist bezeichnend, daß er im Krieg sich nicht dazu verstehen konnte, die feindlichen Tagesberichte zu 'lesen; er ging darüber mit den Worten hinweg: „Ach was! Ich werde mich doch nicht über das ärgern, was die Kerle zusammen lügen." Unerschrocken, wie er im politischen Kampf war, kannte er auch persönlich keine Furcht; so war er Ln den Zeiten der Fliegergefahr kamn zu bewegen, Schutz zu suchen. Trotz all dieser Schärfe hat Berthold Geiger eine unendliche Fülle von Freunden und Verehrern gehabt, und wer ihm näher treten durfte, der erkannte bald, wie liebenswert er. war,' und wie er im Stillen Wohltätigkeit und Menschenliebe übte. Freilich mußte man ihn dabei in seiner Familie kennen lernen, in der rührenden Liebe zu seiner Frau, der geistig.hochstehenden Tochter Jakob Auerbachs, und zu den Söhnen, in der Herzlichkeit, 'mit der er dem weiten Kreis der Familie und. der Freunde begegnete, die an den Freitag Abenden sich bei ihm einfanden und das schönste Behagen der Gastlichkeit genossen. Für alle, die Berthold Geiger an diesem Glück Iteilnehmen ließ, bedeutet es einen unersetzlichen Verlust, daß dies Haus geschlossen ist, in dem sie den Segen eines idealen jüdischen Familienlebens und . eine an Geh. Iustizrat Dr. Berthold Geiger Fülle geistiger Anregung miterleben durften. Das Unglück des Krieges hat auch all dies zu nichts gemacht. In den letzten Wochen vor dem Waffenstillstand ist inmitten seiner Batterie der Sohn gefallen, der nicht nur durch die Arbeit des Tages mit dem Vater aufs Engste verknüpft war; trotz aller militärischen Eignung hatte er, dem alle Herzen sich öffneten, es im Frieden niemals zum Offizier bringen können, er hatte auch im Krieg ein reiches Maß von Zurücksetzung er-. fahren müssen, und trotzdem hat er in der vordersten Linie tapfer ausgehalten bis ihn — eine der besten Hoffnungen des liberalen Judentums — der Tod ereilte. Wenige Wochen darauf verlor .Berthold Geiger seinen Bruder, den Berliner Literarhistoriker, und im Frühjahr L9L9 die Lebensgefährtin. Er selbst blieb in all dem Unglück aufrecht bei der Arbeit, der er sich unermüdlicher denn je Widmete. Als ich ihn am ersten Tage unseres Neujahrsfestes sah, lag er leidend auf seinem Lehnstuhl! ° Er ließ sich vom Gottesdienst erzählen, dann sprach er von der Arbeit, die er für die Berufsgenossenzu leisten hatte, von einer Sitzung des Kammervorstandes, die er in seine Wohnung einberufen mußte, da er nicht mehr ausgehen kennte, und zum Schluß erhob er sich, um — wie üblich -— Gabe und Gruß an die Kinder mitzugeben, die Zu beschenken seine größte Freude war. Das war das letzte Zusammentreffen mit dem Zweiundsiebzigjährigen, der bis zuletzt männliche Tatkraft und reines, kindliches Empfinden in sich vereinte. Nun ist er dahingegangen. Seine eigenartige Persönlichkeit stellt ein Stück bester Vergangenheit dar. rEr ist in den Anschauungen des Individualismus groß geworden und er hat in bewußter und stark umrissener Einseitigkeit den Sozialismus und viele andere Regungen des neuen Jahrhunderts abgelehnt. Die Zeit scheint über die Ideen, die er politisch verfochten hat, und auch über den Rationalismus, den er in jüdischen Dingen teilweise verkörperte, hinwegge'gangen zu sein, er aber ragte aus einer hinter uns liegenden, ' vielleicht doch besseren Zeit achtunggebietend in unsere Tage hinein, und wenn man sein Leben überblickt, so steigt die Frage auf, ob es nicht erfreulicher um uns stände, wenn die Ideale, für die er. ge- /

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