Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Dr. G. Salzbersger: Den gefallenen jüdischen Kriegern zum Gedächtnis besinnen und dem lauschen, was tief in unserer Seele zu uns spricht. - Heute vor' H 'Jahren, ’ sagt einer am Rosch-ha-schono, war ich in Lille; in Brest sagt ein ariderer; vor 5 Jahren stand ich in der Champagne, .sagt der eine, in den Karpathen, ein anderer. Vor 2 Jahren — vor V Jahr ... Und.sie schweigen. Stört sie nicht: es jft das Schweigen des Todes, das durch, ihre Seele zieht; es ist das Schweigen einer Welt, -re erfüllt ist von dem Durchleben und Durchkämpfen vergangener Jahre. £>tört sie nicht, denn sie wollen in sich zurückrufen die Tiefe der Empfindungen ihres Seelenlebens von damals. — Liegt schon so weit zurück die Zeit, wo wir fern von unseren Lieben, aber inniger, mit ihnen verknüpft denn je, wo wir fern der Heimat, aber ihr näher als sonst, fern von den Gotteshäusern unserer Kindheit, aber doch in ihnen Bosch - ha - schono und Iomkipur gefeiert haben? Liegt schon soweit zurück die Zeit, da wir Juden waren, starke, selbstbewußte Juden, nicht geschieden in Zionisten und Uichtzionisten, in Orthodoxe und Nichtorthodoxe, nicht Juden auf Grund der einen oder anderen Richtung, sondern Juden curs einem tiefen inneren Bewußtsein heraus? Aus dem Dunkel der.Vergangenheit in das Dunkel der Zukunft. Aber das Dunkel erleuchtet durch die Flamme, die aus unserem Inneren schlägt, das Dunkel erleuchtet durch das Licht der Erkenntnis, die aus den Tiefen, unserer Seele sich hebt. Aus einer schweren Vergangenheit in eine schwere Zukunft, abev nicht schwach und wankend, sondern stark: getragen von dem Bewußtsein des Göttlichen in uns, erfüllt von dem Gedanken des Göttlichen über uns! , ° Den gefallenen jüdifchen Kriegern zum Gedächtnis. Versöhnungstag 5680. Von Nabb. Dr. G. Salzberger-Frankfurt a. M. hr unsere toten Brüder! wir wissen wohl, uns ziemte Schweigen vor der Majestät des Todes, vor solchen Todes Majestät. Kein Wort des ‘ Dankes. reicht an das, was Ihr getan, kein Wort der Klage reicht an das, was Ihr 'gelitten. Mit stummer Träne nur, die leise rinnend Euer Bildnis netzt, darf heut der Lebende Euch nahn. Denn daß wir leben, starbet Ihr. Allein wir stehn hier nicht für uns, es spricht der Vater, spricht die Mutter durch unfern Mund zu Euch. Nicht jene, deren leiblich Kind Ihr seid — ihnen gehört Ihr nicht mehr an.' Der Euer aller Vater ist, den Glauben, die Euer aller Mutter ist, die Heimat, vernehmt aus unserm Wort. wein Kind bist du, so spricht die Heimat. Ich schloß Dich einer Mutter gleich in meine Arme an deines Lebens erstem Tag. An meiner Brust sogst Du Dir Wachstums Kraft. Klein Gdem war es, den Du atmetest, mein Licht, in dem Du badetest. Die ersten Laute, die Du lalltest, die ersten Lieder, die du sangest, wer lehrte sie Dich? Ich. Durch meine Wiesen, meine Wälder bist Du als frohgemuter Bursch gewandert, und leckte Dich ein jugendlicher Ungestüm zur fremde — das Weh nach Mutier Heimat gab Dich mir zurück. . Kat Stolz und bangem Zagen sah ich hinausziehn Dich als Mann, um mich zu schützen. Ich Hab' in Sehnsucht Dein geharret Jahr und Tag. Nun bist Du heimgegangen — anders als Du's, als ich's gedacht. - Viel tausend andre kehrten heim, nicht Du. Vergebens breit' ich meine Arme nach Dir aus, Dich an mein Herz zu ziehn, und wär's auch nur, daß ich in meinem Schoß zur ew'gen Ruh' Dich bette. Weh mir, daß Du um mich Dein junges Leben ließest! wein Sohn, so spricht der Glaube, als Du noch Knabe warst, da wies ich Dich den weg der Pflicht. Es war ein harter weg. Dir oft zu hart, und Du versuchtest bald in starkem Freiheitsdrang der väterlichen Zucht Dich zu entstehn. Allein es war ein weg des Guten doch und führte doch zu Gott dem Gütigen, den alle Merischenherzen sehnend suchen. In Kampfcsnot, in Todesqual erkanntest Du den Trost und fühltest Du die Stütze, die im Frommfeiu liegt: Du lerntest wieder glauben, wieder beten. Doch betend oder nicht, Du gingst den weg der schwerstett Pflicht, gingst ihn zu Ende fest und treu. Du lebtest, was ich Dich gelehrt, und mein Gebot, es ward durch Dich zur Tat. So wird Dir denn mein Segen auch zu teil: