Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 oo tt Dr. Max Freudenihal: Etwas vsm rituellen Schlachten ktwas vom rituellen Schlachten Von Dr. Max §reudenthal-Nürnberg. n der erste» Septemberwoche fand zu Weimar die Hauptversammlung der deutschen Tierschutzvereine statt. Auf der Tagesordnung stand wieder einmal von einigen vereinen eingebrscht ein Antrag, der sich gegen . das rituelle Schlachten richtete. Dev Nürnberger Tierschutzverein beantragte Uebergang über denselben zur Tagesordnung und gewann die Mehrheit für sich. Die Gegner des Schächtens werden sich bei dieser Niederlage schwerlich beruhigen Und neue Vorstöße vorbereiten, wie steht der liberale Jude zw dieser Frage? - Die Speisegesetze gelten in jüdischen Kreisen als Schiöbolet zwischen Orthodoxie und Liberalismus, wer sie hält, erscheint dem Liberalen noch als orthodox, ihre Verächter werden umgekehrt von den Orthodoxen nicht bloß als liberal, sondern sogar als gottlos und unjüdisch verschrieen. Beides ist falsch, wer das Speiseritua! beobachtet, ist noch lange nicht orthodox; wer es verwirft, kann dabei in .Bekenntnis und" Uebung ein aufrechter, überzeugter und gottesfürchtiger^ Jude sein. Radikalismus in dieser Frage ist auch nach anderer Seite hin durchaus unangebracht. Ls gibt Orthodoxe, die noch immer aufs Strengste selbst jene Speisevorschriften beobachten, welche in der Griechen- und Römerzeit aus Abscheu gegen alles Heidnische entstanden sind und längst seitdem ihren Sinn verloren haben. Es gibt Liberales welche die höchste Fortentwicklung des Judentums in der offiziellen Aufhebung der Speisegesetze durch die Rabbiner erblicken und denen zur Erreichung dieses Zieles selbst ein öffentliches Schächtverbot durchaus genehm wäre, wir müssen solche liberale Anschauungen — der orthodoxe Ueberschwang beschäftigt uns - hier nicht — entschieden ablehnen; sie sind töricht und gefährlich zu gleicher Zeit, auch noch nicht einmal liberal. Lin Schächtverbot würde 'immer einen Glaubenszwang, eine Gewissensbedrücküng weiter religiöser Kreise bedeuten; gegen Angriffe dieser Art muß jeder wahrhaft liberal denkende Mann sich mit allen Mitteln wenden, er darf "ihnen gegenüber noch nicht einmal gleichgültig bleiben, als gingen sie ihn und seine persönliche Ueberzeugung nichts an. Noch dazu sind'die gegen das jüdische Schächten gerichteten Angriffe völlig unberechtigt. Jeder weist, , daß schon die Bibel zahlreiche Tierschutzgebote enthält, die im Talmud ihre Fortführung finden, und daß alle die strengen Vorschriften, welche der Schächter beim rituellen Schlachten zu beobachten hat, von den Rabbinen einzig und allein nur darum geboten sind, um jede Tierquälerei zu verhüten. Bei den Vorbereitungen zum Schächtakt sind dank sinnreich erfundener und als bewährt erprobter Apparate alle .unangenehmen Störungen, die früher vorkamen, seit langem schon völlig ausgeschaltet, und die Tötung selber durch scharfen Halsschnitt, der das Blut breit ausströmen läßt, ist so schmerzlos, wie sie nur sein kann. Zuletzt ist jede Tötung grausam und der Ethik widersprechend. Ueber die Frage aber, welches die wenigst grausame Methode, gehen die wissenschaftlichen Meinungen weit auseinander. Den. Schächtgegnern zum großen Aerger haben zahlreiche Vertreter der physiologischen Wissenschaft und . der tierärztlichen Praxis das Schächten sehr energisch verteidigt und das waren Thristen. Ein Teil von ihnen erklärt es für nicht schmerzhafter und grausamer als die anderen Tötungsarten selbst nach vorangegangener Betäubung, ändere ziehen es geradezu als die zweckmäßigste und darum humanste Tötungsmethode allen übrigen vor. Und gewiß hatte' auch der Gutachter nicht Unrecht, der da meinte, der beste Zeuge, das Tier selber, versage in der Frage nach der humansten Schlachtmethode, darum könne selbst die tiefgründigste Wissenschaft nur hypothetisch und annähernd feinen Schmerz schätzen. Aus hypothetischen Annahnren heraus aber Tiere schonen und Menschen quälen zu wollen, das kann kein gerecht Denkender zugeben. Darum wird, auch wer die Speisegesetze nicht hält, doch aus Gerechtigkeitsgefühl nicht dulden können, daß sie anderen verwehrt und verboten werden. von den Schächtgegnern wird nun gerne gerade die Tatsache, daß sehr viele Juden '"selber die Speisegesetze nicht mehr beobachten, / -