Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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67 Dr. Erwin Seligmann: Probleme des modemen Iudmiums. werden, da die zehn Männer aus allen! Völkern der Grde den Rockzipfel eines jüdifchen Rlcmnes fassen, um zu ihm zu sprechen: ,-Wir wollen mit dir gehen, denn Gott ist., mit dir, wir wollen gemeinsam hinaufziehen - zum Zion der Menschheit, der Stätte der!; Menschheitsnerbrüderung auf Grden."! WennKlatzkin, der Ideologe, um der! gedanklichen Konsequenz willen zur Verneinung des Galuth kommt und darum die herrschende . zionistische Politik aufs ,M)ärfste befehdet, .so bekämpft Zoll sch an in seinem neuen Budjc3} aus realxolitifchen Gründen die selbstmörderische Diasporapolrtik der modernen jüdischen Nationalisten. Ihm ist der Gedanke unerträglich, daß um der Logik willen Millionen von Juden, welchen Palästina aus Raummangel keine Zufluchtsstätte wird bieten können, kaltblütig zum dauernden Glend und langsamen Tode verurteilt werden sollen. Zollschan rechnet mit dem Leben, wie es ist. Das Seinßollende hat sich den Gegebenheiten der Realität anzuxassen. Rkit subtiler Gedankenschärfe und wissenschaftlicher Präzision rückt er dem unklaren Nationsbegriffe zu Leibe und stellt fest, daß für die Klatzkinsche Behauptung des Judentums als nationaler Gemeinschaft keine reale Unterlage vorhanden ist. Für uns, die wir stets die Auffassung des Judentums als einer realen Nationalität, welche den Anspruch auf Autonomie erheben könnte, bekämpft haben, muß dieses Werk des bekannten Parteiführers und ehrlichen Rafsinlheoretikers von besonderem Interesse sein, weil es mit zwingenden Gründen die Haltlosigkeit der offiziellen zionistischen Ideologie, des Parteiprogramms und der Parteiziele aufzeigt. \ Die Iudenheit ist für ihn lediglich eine othnologische Gemeinschaft. Falsch sind sowohl die politischen und soziologischen Voraussetzungen, welche die 'Forderung der nationalen 2lutonomie, des nationalen Kataster und der Volksgemeinden in den Diasporaländern zur Notwendigkeit'machen sollen, als auch die jBuberschen Anschauungen, welche die geistige, unveränderliche Sonderqualität der jüdischen Geistesart feststcllen wollen und 8) Dr. Ignaz Zollschan: Revisiondes jüdischen Nationalismus. R. Löwit Verlag Berlin u. Wien. 1919. 182 Seiten 8'. I daraus die nationäHischen Konsequenzen ziehen. Dem Verfasser stehen die unvermeidlichen Ergebnisse der neuerdings eingeschlagenen Politik mit erstreckender Klarheit vor Augen. Gr sieht die naturnotwendige Steigerung des nunmehr national begründeten Antisemitismus ooroier, den wirtschaftlichen und politischen die chauvinistische Pogromhetze, das Arfs-Spiel-Setzen der mühsam.erkämpften Gleichberechtigung. Gr siebt die Tragik der Tatsache mit aller Klarheit, daß im Augerülick, da der Nationalismus der anderen Völker vor der Bankrotterklärung steht, gerade das Volk der Propheten, das der jUIeiGhheit den Gedanken des Universalismus geschickt hat, sich anschickt in gefährlichster, unjüdrsthster Assimilation, einen neuen Nationalismus zu kreieren4). , hoffen wir, daß diese Warnungen nicht ungehört verhallen, daß die zionistische Parteileitung nicht länger in verblendeter Ideologie das Leben des gesamten Judentums aufs ernstlichste. gefÄsrdet! vor allem aber möge die Schrift demm zur Besinnung dienen, die aus einem unglückseligen Ginheitsftreben sich die verhängnisvolle Terminologie - der Nationalisten' zu eizen machen und deren , Forderungen kritiklos übernehmen. Klatzkin wie ZcWschan haben von den entgegengesetztesten Standpunkten ausgehend gegen die innerpoliLMen Bestrebungen. des Zionismus polemisiert!. Beide bekämpfen die herrschende GaluthpÄitik. Der eine als logisch inkonsequent, brr andere als praktisch zum Untergang führrnd. Wir nehmen ihre Ausführungen gerne zur Kenntnis und begrüßen die beiden Schriften , als wertvolles Material, das uns jv vielem die Bestätigung unserer UeberzeugunZ^r bietet, imögen sie auch in Voraussetzungen oder 'Einzelheiten von unserem Ziel und Weg abweichen. Keiner, der um die Lösung der jüdischen Probleme, sei cs in stiller Gedankenarbeit, sei es auf dem politischen Schauplatz ringt, darf an den beiden anregenden rrrd bereichernden Werken vorübergehen. Auf Laß unser Kampf um den Galutb zum erstrebten Zukunftsziel führe, der nationalen Verwurzelung der einzelnen Juden in ihren verschiedenen Vaterländern, her Linigung der Menschheit aber im jüdischen Geist und durch den jüdischen Geist. 4) Vgl. den bereit § erwähnten Artikel im Juli- Augusthest Se.te 63 oben.