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Liberales Judentum · 1919-09-01 · Heft 9-10 (September 1919) · p. Seite 66

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 9-10 (September 1919)
Date
1919-09-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 o «o Dr. Erwin Seligmann: Probleme des modernen Judentums. reißende an dem Werk, daß aus jeder Zeile 'die Glut eines Hingegebenen brennt, in Liebe und monoman. Lin größer Intellekt, der aber nur dem Willen die Bausteine trägt I Judentum ist Nation, hat nur als solche Daseinsfähigkeit und Berechtigung. Jüdischer Geist ist nichts anderes als nationale Emanation, und ebenso die jüdische Religion, soweit sie Lebensformung bedeutet. Nationale Kriterien sind weder Wille noch Geistesartung, sondern nur das Land und die Sprache, lies: Palästina und hebräisch. Lin Märchen ist der Glaube an.die Unvergänglichkeit des Judentums. Bisher lebte es vom tragbaren Staat, den ejs im Zeremonialgefetz besaß. Dieses bröckelt mehr und mehr -ab, Aufklärung, - Emanzipation, Assimilation, von Westen nach Osten fortschreitend, saugen es auf. Im Galuth ist Assimilation unvermeidlich, der Wille zum Judentum vermag den äußerenKräften der Zersetzung nicht standzuhalten. Mit fortschreitender Angleichung schwindet der Antisemitismus, erschöpft sich das Reservoir des Ostens, ^welche die einzigen Bollwerke gegen den Untergang des Jüdischen Galuth bilden. Einzige Rettung des Judentums liegt daher in Palästina, wo Land und Sprache aufs Neue die nationale Bindung Herstellen können. Im Galuth ist Untergang die Losung, und es gilt ein heroisches Sterben in Schönheit, letzten Trotz auf den Lippen. Mit dem Bekenntnis: „wir sind Fremde und Haffen Euch Christen, Peiniger und Heuchler" kehren wir der Verbannung den Rücken oder gehen zugrunde. Mit aller Schärfe wendet sich Klatzkin gegen die Inkonsequenz der Nationalisten, die' Palästina und die Diaspora, Hebräisch und Jiddisch, Staatsbürgerrechte in den Gastländern und eigene Nationalität haben wollen. Mit Zwingender Logik bekänrpft er die sogenannten Kulturzionisten, denen die Nation als Mittel zum Geiste dienen loll. Wenn der Geist Inhalt des Iudentums wäre, führt er aus, so ist er so universell, so allgemein-menschlich, daß er kein Sonderkriterium des Judentums bilden kann, sodaß er unbedingt zur Selbstvernichtung führt. Die Assimilanten mögen das Judentum mit Monotheismus, Messianismus, Sozialismus, Pazifismus identifizieren und in der Menschheit aufzugehen sich bemühen; sie handeln' logisch. Wer aber Nationaljude sich nennt. muß alle unerbittlichen 'Nonsequenzen ziehen und darf keine Spiegelfechterei treiben. . Die Widerlegung der einzelnen Thesen, die Aufdeckung der Unrichtigkeit einzelner Behauptungen, mit denen Klatzkin seine Beweisführung stützt, mag den ins Lebensmark getroffenen Zionisten überlassen bleiben, die von der gleichen Voraussetzung ausgehend zu anderen Resultaten kommen, wir stimmen dem Verfasser in allen Schlußfolgerungen zu und begrüßen die Offenheit und Klarheit seiner Argumentation.. Wir lehnen aber feine Voraussetzung ab, und darum trifft uns alles Gesagte nicht. - Die Entscheidung, ob' wir uns als Nation fühlen oder als historische Missionsgemeinschaft er Propaganda immanitate, liegt jedem Einzelnen ob. Und wir deklarieren entschlossen: Jawohl, uns ist. Messianismus letztes Ziel des Judentums; Judentum ist Weg, nicht Ziel, ist Existenznotwendigkeit nur bis die verbreitnng seiner Ideen unverlierbar gesichert ist. Ein Judentum als reguläre Nation, chauvinistisch, außerreligiös, ein kleiner Staat im orientalischen Land, möglichst beschränkt auf sich und von der Außenwelt abgeschlossen, ist unnichcherstrebenswert. Lieber gar nichts als das. Kompromisse lehnen wir ebenso ab wie die extremen ^Nationalisten und tragen die Unerbittlichkeit unserer Idee. wir b e j a h e n das, was die Zionisten „Galuth" nennen. Es ist uns weg zum Ziele der Menschheit. Noch hat es gute weile mit dieser messianischen Menschheit, noch wüten Völkerhaß,. Kriege, Ausbeutung, Aberglauben. Noch scharen wir uns, entschlossener denn je um das Banner der jüdischen Weltidee, die uns eint im willen, noch schaffet wir uns, aus der immanenten Lebenskraft unserer Gemeinschaft heraus, neue Daseinsformen, nicht nationaler'Art, sondern geistigreligiose. Der jüdische Liberalimus, national und volklich bewußter Vorkämpfer der Assimilation an die Völker unserer Heimatländer, strebt durch 'die Neuerweckung des religiösen Gefühls, durch die Erhaltung der xoetisch-mxstischen Symbole unserer uralten weltbejahenden Geistigkeit, durch die pflege, des schöpferischen Gemeinschaftsbewußtseins auf ethischer Grundlage, die Bewahrung der historischen Kontinuität des Judentums bis zu jenem fernen Zeitpunkt an, da die Verheißungen unserer- Propheten Wirklichkeit

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