Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3126481-3126593-3126597--2488-3129343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
o c o o Dr. Seligmann: Son der inneren Krisis im Zionismus auch klingen mag: sah das neunzehnte Jahrhundert den versuch des einzelnen Zuden,. sich europäisch zu assimilieren und von seinem Ligengesetz zu trennen, so sieht unsere 'Gegenwart, in dein versuch der Nationalisierung der Gesamtjudenheit eine Ajsimilation an das zur Herrschaft gelangte Nationalitätsxrinzip Europas und ein verlassen und Aufgeben jüdischen Ligendaseins. Dieses Ligendasein, der Sinn des Judentums und sein Wert-Rang wird verkehrt, wenn man aus der religiösen Schicksalsgemeinschaft, aus 'dem heiligen Volk, ein Volk wie andere Völker zu machen unternimmt, wenn man das wesentliche zu einem Teilstück nationaler Kultur, zu eitler Zufallserscheinung degradiert. Zn dieser Herabsetzung bei aller scheinbaren Sublimierung liegt der ungeheure Zrrtum des Zionismus, die innere. Krisis, die heute, angesichts der nahen Verwirklichung, nicht nur den Gegnern, sondern den Führern selbst sich unabweisbar aufdrangt. kvir reden nicht von jenen, denen der Umweg über Zion der nächste weg zur Rlenschheitsreligton zu fein scheint, wobei allerdings diese Seltsa'.nkeit als beachtenswertes Svmptom einer zionistischen Selbstbesinnung zü werteii ist. Wirklich bedeutungsvoll in dieser Sinsicht aber ist die neueste Schrift von Martin Buber: Lheruth, über Zugend und Religion.**) Wie alles, was aus der erlesenen Feder Martin Bübers fließt, verführerisch, voll Geistigkeit und Stimmung, ein Buch, das an das wesentlichste rührt und.Grundkräfte beschwört. Buber redet in dieser Schrift freilich nicht von dem Unbefriedigenden des reinen Nationalkul:us, aber sein Schweigen ist beredter und verrätischer als seine besten Worte es sein könnten. Diese schweigsame Rede. an die Zugend ist das Dokument der inneren Krisis des Zionismus. Zurück jur Religion, so könnte das Motto dieser.Rede lauten. Zn Wirklichkeit aber heißt das Motto: „Gottes Schrift eingegraben auf den Tafeln — lies nicht charuth: eingegraben, sondern cheruth: Freiheit". Fürwahr, ein Text zu einer **) Cheruth, Eine Rede über Jugend und Religion von Martin Buber. R. Löwit Verlag. Wien und Leipzig. 1919. 8-. 36 S. Preis Kr. 2.50. liberalen predigt. UrLk wie eine liberale Rede mutet es uns an, wenn wir Sätze lesen, wie die folgerten: „Glaubenssätze und Vorschriften sind nur das wechselnde -Ergebnis der versuche des Menschengeistes, das Wirken des Absolutem das sich an ihm ereignet, in einer sinnbildlichen Grdnnng des Wißbaren und Tu-bcuen zu fassen," oder:, „die Lehre ist uns nicht etwas Fertiges und Lindeutiges, sondern ein gewaltiger Prozeß geistiger Schöpfungoder: „die Handlungen (Mizwoth^ . . . von dun Zusagen der ganzen Menschenseele ablöseg, sie von der Üebereinftimmung mit dem ganzen Menschengeist unabhängig, machen, heißt sie entheiligen. Dies aber tun jene %igonen, die heischen, daß das Gesetz nicht aus Gewißheit seines göttlichen Ursprungs, iprndern aus Gehorsam gegen die Autorität drs jüdischen Rationalwillens angenommen «erde; die erklären, es wolle zunächst und oar allem befolgt sein, alles andere werde sich' finden." Demgegenüber fordert Buber das Erlebnis der - Religion iu dem Sinn einer Bereitschaft, der Berührurg des Absoluten standzuhalten. Die in der Zugend latente Religion will er erwecke^ damit sie ihre metaphvsische Selbstcntdeckrng nicht verschlafe. Diese Auswirkung einer allen Menschen eingeborenen ZnnerlichkcL ist nicht zu gewinnen durch Ausweichen -nach der Seite des Rationalismus, auch »cht durch Scheinbejahung und selbstvorgrLiuschte Stimnmng^ sondern durch verbundackseit mit der lebendigen Volksreligion, durch Einschluß an die Kontinuität und KontigMat des Zuden tu ms, dessen weite_ und FiNe dem Suchenden überall, wohin er sich wendet, religiöse (Quellen sprudeln läßt. Denn keine Sphäre gibt es im jüdischen vrKsleben, die mit der religiösen in der Tiefe «rcht verbunden rväre. Denn letzte Tiefe des ^dentums ist Einheit von Welt und.Geist, ran Lehre und Leben. Bnber lehnt die Romantik der (Orthodoxie ab, die in kritischer Annahme und Verherrlichung der Überlieferung iit Lehre und Gesetz sich auswükt. Er fordert Einschluß an die lebendigm Urkräfte der Religion, die jeder Erstarrung zu geglaubter Lehre und gefälltem Tun widerstreben, um von der Summe der Miubenssätze und Vorschriften an die Freiheit in Gott zu. appellieren. :