Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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, 5 56 , Mar Golde: Die Erziehung unserer Jugend für die kommenden Tage o o o o unserer jüdischen Jugend eingeschränkt worden. Den preußischen Gemeinden aber ist vor kurzem das Recht eingeräumt worden, freie Simultanschulen einzurichten; und die Geschichte der deutschen Volksschule lehrt uns, daß diese ihren Aufschwung und ihre größte Ausbreüung der freien ' Wirksamkeit der Städte danken, besonders nach ihrer Befreiung vom Zoche Napoleons. Und da uns nun, nach abermals sOO Jahren, dieselbe Freiheit wird, sollten wir sie zurückweisen, statt uns dafür einzusetzen? Die furchtbaren Opfer, die auch unsere jüdische fugend an Blut und Gesundheit und frischer Lebenskraft in diesem Weltkriege gebracht, legen uns die moralische Verpflichtung auf, vom Vaterlande den Dank, cinzufordern, den cs ihr dafür schuldet, wenn wir sie aber von der freien, selbständigen Lebensgestaltung unsres Volkes, zu der unsere gesamte deutsche Jugend in diesen Tagen aufgerufen wurde, zurückhalten und ihnen eine eigene partiknlaristische lvirksamkeit -uwe'sen, so leugnen wir damit die Opfer, zu denen ihr jugendlich aufflammender Mut auch sie so. vielsälttg hingerissen, und stimmen denen bei, die ihnen diese hämisch bestreiten, lvir fetzen sie hinter ihren Gefährten zurück, indem wir ihnen allein das Vertrauen aberkennen, das von der Leitung des preußischen Schulwesens der gesamten Jugend ausgesprochen wurde, als ob sie allein dessen nickst würdig wären. Während alle übrigen zu freiem Streben zugelassen werden sollen, frei von 'kindischem Unfug und leerer Gedankenlosigkeit, aber auch frei von dem Ungeist der toten Unterordnung, des Mißtrauens rmd der tilge, sollten sie von unbefangenen politischen Urteilen zurückgehalten und zu abweisendem Grollverurteilt sein, so oft die allgemeinen politischen Fragen der Gegenwart um uns her besprochen werden? Statt sie für die Aufgaben des wirklichen Lebens, in dem sie stehen, vorzubereiten, sollten sie daran zweifeln und verzweifeln, uni an eine längst versunkene Vergangenheit anzuknüpfen und ihre besten Kräfte allein daran zu setzen, Zion, das die zartesten Sehnsuchtslaute unserer besten Dichter rveckte, zu moderner Industrialisierung, aber damit auch zu einer uralten und sich doch immer wieder erneuenden Volkerfeindschaft hinzuführen! Durch diese nationale Richtung aber müßte ein großer Teil unserer Zugend nicht allein politisch, sondern auch religiös verkümmern. Denn unsere deutsche' Umgebung lehnt in weitem Umkreise den Gedanken an einen Rachekrieg ab. Sie läßt sich die Hoffnung nicht verkümmern, daß die Kriege in Zukunft immer seltener werden, bis der-volkerhaß-auf Erden einmal-ganz, durch wirtschaftliches Ringen' und Streben ausgeglichen werden mag. Unsere jüdische Zugend aber sollte die Zdee, welche die Führer unsres Stammes zuerst verkündeten, den anderen ausliefern und sich selber davon ausschließen? Nur ihnen, sollte der Mut fehlen, den die Künder des Gottesworts von uns gefordert haben, nämlich im Ringen nach dem Frieden der Völker und der Einigung der nationalen Gegensätze bis zum | Ende der Tage.auszuharren? Sie sollten ihr Seil vielmehr in. einem Streben suchen, "durch das sie unfern' Glauben in ihren Augen herabsetzen würden! Denn ihm haben jene schon immer vorgeworfen, daß er auf die Erfüllung der ewigen Verheißungen langst verzichtet habe, rmd in der religiösen Auffassung und Durchdringung des praktischen Lebens hinter ihnen zurückgeblieben sei. Nicht vor-, sondern rückrvärtsführen würdeir wir also unsre Zugend und uns damit an ihrer Zukunft versündigen. Die Geschichte unsres Starrrmes soll auch ihr zur Schatzkammer ihrer Erfahrung dienen. Nie hat dieser sich bloß andächtigen! Schrvärmen hingegeben, sondern seit jeher ist es das Schicksal unsres Stannnes gewesen, gegen' Not und Verachtung anzukämpfen. Darin könnten ihnen manche von den jüdischen Führern, die jetzt an die Spitze der modernen Volksbewegung waten, zum Ansporn dienen, wie diese soll die Kultur derAr - beit nrit ihren! vollen Aufwand' an körperlichen und seelischen Kräften und dem fein abgestinlmten Takte edler Menschlichkeit sie ini Boden der Heimat Wurzel schlagen und sich hier gesund und kräftig fortentwickeln lassen. Nur so allein können wir an ihnen unsre Schuld abtragen, sie in die gegenrvärtige Wirtschaftskrise mit hineingezogen zu haben, und machen sie fähig, im frischen, freien, fröhlichen Streben sich durch eigene Kraflentfaitung eine bessere Zukunft zu bereiten.