Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Mar .Golde: Die Erziehung unserer Jugend. für die kommenden Tage werden. Sie setzt den freien Gehorsam voran-, der im eigenen Ehrgefühl begründet sein muß. Seit den ältesten Zeiten aber gibt es kein besseres Mittel,' Pflichtgefühl, Selbstständigkeitsbewußtsein und die persönliche Verantwortlichkeit zu wecken, zu pflegen und zu steigern, als die Kultur der Arbeit, die durch Disziplin geregelt ist. In der Schule der exakten Arbeit verlernt das. Kind alle Halbheit des Tuns, die mit den anderen erst über seine Pflichten unterhandelt, und opfert seine persönlichen Launen dem Zusammenwirken mit der Gesamtheit. Bei aller Achtung vor seiner kindlichen Persönlichkeit wird hier von ihm doch das Zurücktreten seines Einzelwesens hinter den Aufgaben und Zielen der Gemeinschaft gefordert. Wohl dürfen die rein menschlichen Beziehungen des Kindes nicht zu kurz fcmmen, ~unt> seine persönlichen Verhältnisse werden mit Interesse und hilfsbereiter Anteilnahme berücksichtigt, so oft sich dazu Veranlassung bietet. Im Dienste der Zlrbeit jedoch müssen sie hinter den allgemeinen Anforderungen zurücktreten, denn diese umfassen den Erzieher wie das Kind gleichmäßig mit den. festen Formen der Gesetzlichkeit, und sie bildet den allgemenwn Gesichtspunkt, der die gesamte Schul- und Erziehungsarbeit beherrschen muß. Die so geregelte Willens- und Tharakterbildung nimmt auch die körperliche Schulung in ihren Dienst. Die allgemeine Ausbildung und Anspannung aller Kräfte kann sogar mancher neurasthenischen Anlage entgegentreten. " Denn nervöse Angst und Lähmung sind nur mangelnde Unterordnung des Körpers, besonders seines Nervensystems unter den willen, wie sie sich auch, schon im Schulleben in fortgesetzter Nachlässigkei-, Flüchtigkeit und Zerfahrenheit der Arbeitsleistungen zeigen. Die ununterbrochene Nötigung, die nervöse Unstetigkeit im Arbeiten durch festes Innehalten der Schulordnung zu bezwingen, übt aber eine stark vorbeugende und heilende Wirkung auf die Nerven aus. Die strenge körperliche wird durch die zartere äesthe tische Bildung gemildert. Durch reines Genießen von Erzeugnissen der darstellenden und bildenden Kunst soll die literarische und künstlerische Genußfähigkeit durch läaus und Schule gefördert werden. Bei allzu, stark gehäuften Eindrücken aber, denen die innere Verarbeitung fehlt, tritt baK>. Gewöhnung an eine weichliche Lebensauffassung und die Genußsucht ein, welche inmitten aller Verfeinerung des Geschmackes doch zur Lserzensroheit führt. Das Kunstschöne muß nicht allein maßvoll genossen, sondern es darf auch das Unharmonische und Zlbschreckende nichtabgewehrt werden, die das Kunstbehagen stören. Die Nachtseiten des Lebens können nicht mit bequemen Redensarten abgetan werden, sondern auch für die feineren Regungen der stummen Lserzensnot Müssen Blick und Urteil geschärft und der Wunsch geweckt werden, dem Tragischen im Menschendasein nachzuspüren, seine Quellen zu ergründen und nach Kräften einzudämmen. Durch solch innere Teilnahme wird das Leid des anderen mitgefühlt, so wie auch der Künstler es empfunden und im Kampfe mit sich selber überwunden hatte, da er ' den rohen Stoff beseelte und gestaltete. So.vermag echte Kunstfreude auch menschenfreundliche und segenspendende Beziehungen zu den andern zu stiften. Ganz besonders ist durch die Erziehung auch die krasse Genuß- und Gewinnsucht einzudämmen. Das vermögen aber-'weder sinnige Betrachtungen noch verstandesmäßige Forderungen. Und wären ihre Gründe auch noch so klar, sie verfangen nicht im geringsten, wenn nicht das Verantwortlichkeitsgefühl auch hierin geübt worden ist. Selbst die ernstesten Antworten auf Kinderfragen, die sie über die Genüsse aufklären sollen, können ihnen keinen Schutz vor ihrem Uebermaß gewähren. Das chessere wissen befreit den Geist erst dann, wenn es ihm zugleich auch die Herrschaft über sich selber, wie das Leben gibt. Der junge Mensch muß lernen, seine äußere Persönlichkeit so in Schranken zu halten, daß sie vor allem für das höhere geistige Leben und die Fähigkeit gewonnen wird, moralisch zu empfinden. Ein Beispiel dafür bietet Goethe, der doch zeitlebens ein Kind dieser Welt gewesen. Wer seine niedere Persönlichkeit, wie er, mit Selbstbesinnung unterwirft, bringt die geistige damit zur S-errschaft. Das ist auch der tiefere Sinn des Begriffs der T'schubah; er bedeutet innere Wiedergeburt durch seelische Selbsterneuerung. Goethe spricht dieselbe Forderung mit den Worten aus: