Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Golde: Die Erziehung unserer fugend für die könnenden ^.age 53 so weit folgen, als es mujj, der Mutter aber, die seine Fehler mild vertuscht oder es durch gutmütige Verzärtelung lockt und, besticht, ,mr so-weit es will. Bald aber wird es Gründe finden, sowohl der Strenge des Vaters wie der-mütterlichen Schonung, die Ihn, beide schließlich lästig werden, zu entgehen; und nach' langem Hin- und Herschwanken, die ihm den -letzten Halt und die innere Festigkeit rauben, fällt es fremden Gefährten anheirn, die es vollends irre leiten. Diesen Lebensgang kann man oft genug wirklich beobachten. — Mich -mit der einseitigen pflege des Körpers können wir uns nicht begnügen; denn durch diese allein würde der Junge Mensch nur zur Selbstsucht- und Gewalttätigkeit getrieben, die an der Uebermacht dar Stärkeren bald ihre Schranken findet, und das müßte schließlich zum Kampfe aller gegen alle führen. — Auch auf den bloßen Erwerb von äußeren Gütern darf das Stteben der fugend nicht gerichtet sein, denn jene können mit ihren unerschöpflich . neuen Bedürfnissen und ihrer fortdauernder, Ruhelosigkeit das Gemüt nicht befriedigen, dieses würde bald nur umso dringender das Verlangen nach Vertiefung seiner ^geistigen Art empfinden. Die Erziehung muß vielmehr eine Richtung nehrnen, die der kindlichen Persönlichkeit ebenso die Macht über das Leben, wie über ihr eigenes Schicksal gibt. Das erfordert nach Goethe: .Nachgiebigkeit bei starken, Willen. Wie wir den, Kinde dazu verhelfen? Der autoritativ mechanische Drill, wie er früher vielfach üblich war, hatte nur einen äußeren Erfolg, dem die innere Begründung fehlte. Ebenso wenig wie der tyrannische Zwang kann aber die Gemeinschaft der Kameraden und Freunde für die Erziehung ausschlaggebend sein. Denn nicht allein der Zwang, auch die Gerneinschaft macht oft gernein. Gemeinsame Vorurteile und Leidenschaften zeigen eine so große Ueberredungskraft, daß sie all ihr Sinnen und Trachten m,r darauf richten, den einzelnen der Umgebung anzupassen, Aber auch das ist ein unwürdiger Gehorsam, eine unreife, bleiche Menschenfurcht, die nur zum Schlechten hinleitet. Von solcher Abhängigkeit muß ein stärkender Zuspruch den Haltlosen befreien, bis sein selbständiges Vorwärtsschreiten die anderen zwingt, kritisch auf sich selbst zu achten. Jener blinde, blöde Herdentrieb aber, der sich der gesellschaftlichen Umgebung so vielfach widerstandslos unterwirft, ist nur eine schwächkche Anpassung, die den Gegenwärtigen zuliebe die 2lbwesenden opfert, von solcher Tyrannei der übrigen Gesellschaft kann drn werdenden jungen Menschen allein eine aufrechte Selbstbehauptung und ein gefestigLrs Ehrgefühl befreien. An die Stelle des strrren Gehorsams wie der Lesellschaftlichen Bevormundung muß die Tharakterstärke und der Mut zu selbstständigem Handeln treten. Um hierzu anzuleiten und dabei die Gegensätze unter den Kindern auszugleiche» und zwischen ihnen zu vermitteln, "ist das amerikanische System der sich selbst regierend«, Schulgemeinde empfohlen worden. Da wird der Schüler als freier Staatsbürger asgefehen, nüt dem nur im Ton der gebildetes Gesellschaft verhandelt wird, und der über alle an ihn gestellten moralischen Anforderungen selbständig nach seinem Ehrgefühl entscheidet. In gemeinsamer Besprechung der Schüler mit dem von ihnen frei gewählten Lehrer werden die Ansichten über Schulftrafen festgestellt, um sie ihrem Gerechtigkeitsgefühle anzupassen. Die Prügelstrafe ist natürLch abgeschafft. Unter der Aufsicht des Lehrers werden auch dessen Stellvertreter gewähtz, die über die Durchführung der Schulordnung und Schulgesetze wachen. Dabei werden auch die ersten Anweisungen über parlcusentarische Formen und deinokratische Einrichttmgen des Schulstaates in der Versammlung geübt. So sollte der polittschen Gleichgiltigkeit und Verderbnis in der amerikanischen Demokratie gesteuert werden. Aber bei der zu weit gehenden Uebertragung der gesellschaftlichen Einrichtungen auf den - Schulbetrieb traten Rückwirkungen auf die eigentliche Arbeit, ein, und diese mußte durch raffinierte Methoden zum Spiele n,„gewandelt werden, um sie den an völlige Freiheit Gewöhnten rmterhaltend zu machen. Doch mit den Spiele» stellten sich Flüchtigkeit, Langeweile und Schlaffheit ein. Eine nervöse Unruhe wurde erzeugt, die jede größere Willensanspannung unmöglich inachte. Diese aber kann bei den strengeren Formen unserer mitteleuropäischen Lebensbedingnngen, besonders bei dem jetzt notwendigen Wiederaufbau unseres gesamten wirtschaftlichen und Staakslebens nicht entbehrt