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Liberales Judentum · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1919) · p. Seite 51

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1919)
Date
1919-07-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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Max Golde: Die Erziehung unserer Jugend für die kommenden Tage ang hi einer Schute, die vor allem durch ne cipitas dei, den Gottesstaat des Augustin, lekennzeichnet ist. Gr forderte die einseitige Abwendung von allem weltlichen Treiben, >as er als Teufelswerk herabsetzte, und;um Lrsatze für so großen Verzicht die Erlösung durch die Gnade Christi. Damit wurde besonders dem deutschen Geiste ein in die Tiefe gehender Zug hinzugefügt, der die leichte, heitere Lebensfreude der antiken Melt ganz verdrängte und dem Hetzen dafür das heiße Verlangen nach dem Glauben einflößte. Bei dieser weltfreniden, ja-feindlichen Religionsanschauung konnte sich das praktische Leben nur langsam und kümnierlich entfalten. Da erschuf der schwerblütige Ernst der Kirchlichkeit die tiefe.Sorgfalt und Geduld, die ausdauernde Gewissenhaftigkeit und Treue im Kleinen, die zur höchsten Präzision führten; und diese allein machte die. ungeheuren Erfolge unserer modernen exakten!Vissenschaft möglich. So hat das.Christentum der Naturwissenschaft vergütet, was es jahrhundertelang an ihr verschuldet' hatte. " Das lebhaftere Auftreten der Zuden dagegen mußte bei den anderen Beunruhigung Hervorrufen, besonders wenn sie sich über das, was jene mit inniger Schonung wahrten, achtlos, bisweilen sogar mit leichteni Spott, hinwegsetzten. Die Hilden waren ja niemals von den dogmatischen Bedenken und Zweifeln beschwert gewesen, die ' jene so heftig erschüttert hatten. Sagte doch Sadja hu- Gaon, der erste unter den aufklärenden Religionsphilosophen des jüdischen Mittel, lters, selbst die (.Offenbarung Gottes müsse' alle ihre Forderungen erst vor dem nüchternen Verstände rechtfertigen. Zhre Lehren,?. B. von der Erschaffung der Melt, haben nur so weit Geltung, als die Erkenntnis sie bestätige: darum habe der jüdische Glaube die Offenbarung überhaupt nicht nötig gehabt. Durch das Nachdenken allein wäre er zu allen seinen Mahrheiten aus sich selbst heraus gelangt, "das Erscheinen Gottes habe die Zeit der rechten Erkennttns nur beträchtlich abgekürzt. Die auch schon in der Bibel so oft wiederholte Mahnung, über diese zu sinnen . Tag und Rächt, unterwarf alle Anordnungen unserer Lehre erst dem prüfenden Verstände, zur Rechtfertigung. So erlangte dieser eine unausgesetzt strenge Schulung, die von jeder neuen Erscheinung im Geistesleben nur von neueni angespornt wurde. Einen besondern Nachdruck erhielt diese Geistesrichtmrg noch .durch diejenige Eigenscixift, mit welcher Goethe in Milhelm Kleister unsere Gemeinscl^aft kennzeichnet. Da sagt er: „An Zähheit sucht das israelitische Volk seines Gleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde: es ist, es war, es wird sein, uni den Namen Zehovas durch alle Zeiten zu verherrlichen." - ' ' : -. Dieses einseitig geistige Gepräge bestimmt, so viel es auch durch das praktische Leben ahgewandelt sein mag, doch die Aufgabe unserer Erziehung dahin, in unsrer Jugend vor allem ethische Regungen und hennnende Gewohnheiten auszubilden, welche die rein verstandesmäßigen Forderungen tiefer begründen und ihre vornehnilich geistige Beweglichkeit sorgsamer leiten, soweit die Rücksicht auf die allgemeine gesellschaftliche Sitte dies erfordert. Sie sollen einen 2lusgleich von innen heraus, vom * Gefühle her . ermöglichen, so daß die allgemeine pflege der gesamten inneren Persönlichkeit damit , zugleich gefördert wird. Sn solcher Erziehungsarbeit haben sich Schule und läcms, das Klaffen- und' das Kinderzimmer zu teilen. Der gemeinfanre Boden aber, auf dem sie beide sich betätigen, ist die Seele des Kindes. Von dieser gilt der Bibelvers: Zieh' dir die Schuhe von den Fußen, denn der Boden, auf dem du. stehst, ist heiliges Gebiet. Die Kindesseele ist rein und von Dause aus frei von Schuld und Zweifel, sie ist noch unbelastet von Verantwortung, der Erbe einer vergangenen Melt und Träger einer kommenden, mit unsrer gegenwärtigen wohl verknüpft, doch einer neuen fernen zugehörig. Drum streife erst allen - Menschengroll, alle Sorge und das Streben des Alltags von dir ab, ehe du den geweihten Bereich der Erziehung betrittst, und läutere dich zuvor durch den Glauben an die reinen Seelenkräfte deines Kindes! Menn wir mit solcher Selbstbescheidung die Erziehung unserer Kinder leiten, dann dürfen wir uns nicht mit rein g e f ü h l s - m äßi gern Vers a h r c n begnügen, etwa wie Rousseau, der auf seinen Zögling durch Rühren, Raisonnieren und Zorn einwirkte. Sonst würde das Kind dem Vater, der seine Forderungen kurz und streng ausspricht, nur

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