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Liberales Judentum · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1919) · p. Seite 50

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1919)
Date
1919-07-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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. Dr. Seligmann: Religion und. Leben o voo ,egen Gott, als eine Stunde ein Tor unter. Nenschen. ' Die Kriegsnot mag ünheilfchwanger mrch die Länder ziehen und den blühenden [harten der Menschheit in eine öde wüste. »andeln, Heuchelei nrag das Leben der Ivölker vergiften, Unstttlichkeit vcrwüstend am Lebensnrark der Nationen zehren, * Selbstsucht mag mit eisernein Huf die Enterbten der Gesellschaft niederreiten, Brutalität und Gewalttat die wehrlosen ächten und bedrücken, [öa§ ein Schmerzschrei zum Himmel aufsteigt, soweit der Dzean rauscht — aber wehe Her Religion, die es wagt, ihren Finger auf die > Wrrnden der Zeit zu legen! Wehe, wenn sie die großen Sünden der Gesellschaft an den Langer stellt! -; Dann heißt es: liebe Religion, kümmere dich, bitte, nicht um fremde Angelegenheiten. Kümmere dich um deine Kirchen und Synagogen, um deine. Gebete und Glaubensartikel, um deine Riten und Formen und. schimpfe die sündige Seele aus, wenn sie dir darin zu lässig ist. Aber das Leben laß gefälligst seine eigenen Wege gehen. Gesellschaft ist Gesellschaft, Geschäft ist Geschäft, Politik ist Politik, Leben ist Leben und — Religion ist Religion. Kein Engel dürfte es wagen, unser Sittenrichter zu sein. Die Sünden des Staates dürfen nicht verdammt, die Sünden der Gesellschaft ,rietst ans Licht gezogen, die Sünden des Handels uicht gebrandmarkt, die Sünden der Mode nicht gegeißelt werden. -Zur Zeit des Krieges darf nicht für den Frieden, zur Zeit des Hasses nicht für die Liebe gesprochen werden. Alle volkstiünlichen Sünden find ein Blümlein „Rührmichnichtan". So schlimm diese Scheidung der Religion von dem Leben für das Leben ward, schlimmer noch ward sie für die Religion. Wir haben die Religion auf ein kärgliches Brot gesetzt, wir haben sie in einen Rarrtätenschrank gestellt wie eine Meißener Nippfiaur. Wir haben sie in die gute Stube verbannt und sie wie ein vornehmes antikes Möbel mit Ueberzügen verhängt. Wir haben alte persönliche Beziehung zu ihr verloren. Was konnte da übrig bleiben? Nicht die Religion, sondern ihr Zerrbild, ein wesenloser Schein, eine Religion ohne Saft und Kraft, ein verwelktes Blatt am Lebensbaum, eine.vom Leben verlassene Religion, eine Bürde, eine Last, eine Erschwerung des Lebens, eine Religion, die im Zwielicht eitler Worte ein armseliges Dasein fristet und Steine gibt statt Lebensbrot. Draußen wütet der Baß nach dem blutigen Kriege. Das Lcberr unseres Vaterlandes ist vergiftet von Gezänk und .Avietracht und allen Leidenschaften. Ans allen Tiefen steigt es unheildrohend empor. Die Völker und die Parteien haben sich Tod und verderben geschworen. Drohende Barbarei rüttelt am prunkbau der Zivilisation — mittlerweile zanken sich die-Religionen und religiösen Parteien um'Dinge, die weitab von der brausenden Heerstraße des Lebens liegen^ Sie puppen sich ein in ihre alte, enge, kleine Welt und wagen es nicht, dem neuen Leben offen ins Angesicht zu sehen. Sie verkriechen sich 'hinter Traditionen, setzen einen toten vergangenheitsglanben an die Stelle eines gegenwärtigen religiösen Lebens rmd. meinen noch wunder wie fromm-zu fein. Sie sitzen da mit ihrer kleinlichen wage und wiegen ihrer Gläubigen Frömmigkeit ab, oder messen sie mit der Elle oder zählen, sie nach Paragraphen. Aber diese Frönrnrigkeit ist keine Frömmigkeit. Sie trägt ihren Namen nur, aber hat nichts von ihrer Kraft. W das eine Frömmigkeit, die ohne beherrschenden Einfluß auf das alltägliche Leben ist? Armselige Frönrnrigkeit, die nicht imstande ist, unser schlaftrrrnkerres Gewissen aufznrütteln und unser Leben sittlich zrr gestalten, wunderliche Fronrnre, die die liehe Religion morgens, mittags urrd abends ein viertelstürrdchen besuchen. Sie sitzerr ihre Zeit im Gotteshause ab) verbeugen sich nach Vorschrift und schlagerr sich nach. Vorschrift an die Brust, sagerr ihre Gebete arrswerrdig her wie ein auswerrdia gelerntes perrfunr, üben gewissenhaft * und treu alle Formen und Satzungen — dann aber gehen sie hin rmd leben. Leben herrlich- und. in Freuden, stürzen sich mit glänzenden Augen und brenrrenderr Wangerr irr jeden taumelnden Genuß, vergessen Selbstbeherrschung und Zucht, prarrgerr irr glärrzerrderr Gewärrderrr, behängen sich rrrit Gold urrd perlen, neiden, hassen, streiten, schrnäherr, lügerr urrd trügeir und lasse,r irr ihrer werktagsarbeit alle Weibe .rrnd lvürde der Frönrnrigkeit vergessen.

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