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Liberales Judentum · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1919) · p. Seite 37

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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37 Dr. SeÜgmann: Der jüdische Kongreß und das liberal Judentum rale Judentum zur Frage des Kongresses? Nach meiner Nkeinung gibt es für das religiös-liberale Judentum nur eine berechtigte Stellungnahme. Keine taktisch-politische. Ob wir einen gemeinsamen Kongreß mit den Zionisten abhäÜen können, Dafür darf allein die Er- «Lgung maßgebend sein, ob es eine Kompromißmögliöhkeit zwischen religiösem und nationalem Judentum gibt. Den Prüfstein zur Entscheidung dieser Frage könnte die Antwort auf jene Frage Martin Bübers in entsprechender Umänderung abgeben, ob die Zionisten das Primat des relrgiö sen Iudentu ms vor dem nationalen anerkennen. Wird diese Frage, verneint, so gibt es kein Zusammengehen des liberalen Judentums mit dem Zionismus. - . Nicht weil wir inbezug auf unsere Stellung zu Deutschland mit dem Zionismus differieren, nicht weil wir uns national als Deutsche fühlen, können wir nicht mit den Monisten Zusammengehen, sondern weil wir inbezug auf unsere Auffassung des Judentums uns von ihnen unterscheiden. Weil wir unter Judentum etwas anderes verstehen als sie. Aber wenn wir nicht in Heeresfolge des Zionismus den Kongreß mitmachen können und wollen, sollen wir etwa tatenlos und resigniert zusehen, wie der Kongreßgedanke, der auf dem Marsch ist, immer weiter schreitet und die Massen mit sich reißt? Sollen wir den Schrei nach aktiver Betätigung, nach Teilnahme am jüdischen Leben überhören, der durch die deutsche Iudenheit tönt? .Mit den alten Methoden geht es heute nicht mehr. Neue Menschen und neue Forderungen pochen überall an'die Türen. Und wo der Rus der Drängenden überhört wird, werden alte Ordnungen von dem Sturm der Zeit hinweggefegt. So stellet ihr euch — die hunderttausend e der deutschen Juden — an die Spitze und berufet aus breiter demokratischer Wahlgrundlage einen Kongreß aller deutschen Juden, zu dem alle willkommen sind, die sich zum religiösen Judentum bekennen. So ihr aber auf dem Kongreß euch zusammen tut, hütet euch, ohne das Pathos "eines großen Bekenntnisses zu erscheinen. Mit einer bloßen Verneinung des Zionisnms, mit der Erklärung, daß ihr keine Nationaljuden, sondern Deiche als Nation seid, kann man keinen jüdisschen Kongreß macken. Das Bekenntnis zur deutschen Nation aus einem j ü d i sch-e n Kongreß schmeckt allzusehr nach LcMlitätsgesinnung und ist ein Stück und Ueburbleibsel des alten Schutzjudentums. Es fühl zum verwechseln ähnlich jenem pseudckLLeralismus vergangener Zeiten, den Gabrvl! Rießer mit so bitteren Worten geißelt, mßr der uni politischen Gewinn religiöse Wortir hrngab, der nicht aus inneren, religiösen Notwendigkeiten, sondern um der äußeren Stellung im Staate willen reformierte. Gegmr solches Ghettojudsntum ist. jeder hohn und Ingrimm des Zionismus berechtigt. Es kenn und darf nicht die Aufgabe eines jü duschen Kongresses sein, Deutschland säne Treue zu versichern. Nebenbei — wer zuviel versichert, scheint seiner Sache am cWrwenigften sicher zu sein. . Nur eines aDt es, was dem von Romantik umwitterten nationalen Gedanken die Wage'hält, nur Limen ebenbürtigen Geg-' ner gibt es für drs" Nationaljudentum: das ist das Religio nsj u d e n t u m. Aber.nicht als Phrase, sondern als heroischer Entschluß, der aus der Kleiickp.il und Erbärmlichkeit des heutigen jüdischen Gebens in Deutschland emporreißt. . Religiomjüdentum, treu und frei, alt und jung, als Mitererbe und als Suchen und Sehnen nach neuen Offenbarungen, altjüdische FrömmigM in haus und Leben und neues Bekenntnis Zir großen Lebenslinie, ein Weg aus der Leenr der Gegenwart zu neuer Inbrunst und sittLchen Tat. Das religiöse Judentum kann sich im Ringen mit dem nationalen Judentum nur behaupten, wenn iS Ernst macht mit Religion, wenn es sein slattemdes Leben in neue Gortestiefe senkt und seimr matten blutleeren Religion den großen Stil und das heroische Pathos zu verleihen vermag, wie es einst' das prophetische Iudeckrm getan, das mit seinem ethischen ÄlonotlMSmus und seinem Wcltreligionsgedanken die Totengebeine Israels zu neuem Leben wweckte. Aus der „großen Versammlung", die einst Esra und Rchemia beriefen, ging die Erneuerung des Judentums hervor. . Möge aus der großen Lkrsammlung, der wir entgegensehen, eine chnliche Erneuerung ihren Anfang nehmen.

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