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Liberales Judentum · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1919) · p. Seite 36

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 Dr. Seligmann: Der jüdische Kongreß und das liberale Judentum Nun haben zwar die Zionisten infolge von Verhandlungen mit Vertretern des Zentralvercins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf dies Bekenntnis zum jüdischen Volke verzichtet. Aber mir nachdem die Vertreter des Zentralvereins ihre Zustimmung zu einem Programm gegeben hatten, . das nach Ansicht der Zionisten „eine gemeinsame Arbeit auf dem Kongreß und Beschlüsse möglich erscheinen (ließ), die dem nationalen S der allgenreinen Kongreßbewegung incch entsprechen". was konnte die Vertreter des Zentralvereins dazu veranlassen, denr Kongreßgedanken solch weitgehenden Konzessionen zu machen wie die 'Zustimmung zu der Forderung nationaler Autonomie in den osteuropäischen jüdischen Massenansiedlungen und die Anerkennung Palästinas als eines von der gesamten Iudenheit getragenen autonomen Gemeinwesens (eoinmoawealth)? was konnte die geistig hervorragenden und politisch geschulten Vertreter der nichtzionistisch gerichteten deutscher: Iudenheit dazu bestimmen, solchergestalt für die Kongreßidee einzutreten? Sie wollten — um ein oben gebrauchtes Bild 311 wiederholen — den Zionisten den wind aus den Segeln nehmen. Sie wollten ihnen nicht die Führung der deutschen Iudenbeit überlassen. Der Kongreßgedanke war unzweifelhaft — teils infolge der intensiven und geschickten Agitation der Zionisten, teils infolge der politischen Zcitstimmung, durch die eine starke demokratische Welle geht — weit über den engen Kreis der Zionisten hinaus populär geworden. Neutrale jüdische Zeitungen traten für den Kongreß ein. Die jüdische Ingend Deutschlands, satt der sogenannten ^Notabelnwirtschaft, die sie von der aktiven Teilnahme anr öffentlichen jüdischen Lieben ausschloß, von demokratischem Wollet: und den: leidenschaftlichen Drang nach aktiver jüdischer Betätigung tief erfüllt, rief nach ei::em auf demokratischer Grundlage - gewählten Kongreß, phantasicreiche Geister gar glaubten in den allgemeinen Wahlen zum Kongreß die Grundlagen einer konnnenden Gesanitorganisation und die Verwirklichung der Einheitsbestrebungen des deutschen Judentums erblicken zu dürfen. Alle diese bewußten und unbewußten Ueberlegungen und Stimmungen und nicht zuletzt das lastende Gefühl: wir Nichtzionisten find lässig, und lau, stehen untÄig zur Seite, während dein: Zionism:^ alles Drang und Bewegung, Eifer und Rührigkeit ist; wir müssen mittun, um nicht zur Seite geschoben zu werden; und die unleugbare Gewißheit: wir haben die überwältigende m:mcrische Ueberlegenheit und wollen für den Kongreß und auf dem Kongreß 'die schlafenden deutschen Juden wachrütteln — alles dies hat eine Stimmung und öffentliche Meinung geschaffen, die denr Kongreß der deutschen Juden überaus günstig ist. 2b:s dieser Stimmung heraus haben die beiden großen jüdischen Organisationender verband der Deutschen Juden und der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, den Kongreßtzedanken «ufgenonnnen. Und so hat der verband der Deut- - scheu Juden m einer Sitzung seines Gefamtansschuffes am K. Mai d.I. beschlossen, eine allgemeine Versammlung der deutschen Juden entweder als Hauptversammlung -des Verbandes oder als besondere Versammlung (Kongreß) zur Beratung aller wichtigen Angelegenheiten der deutschen Juden, insbesondere zur Auseinandersetzung mit den nationaljüdischen Bostreb u n g e n der Zionisten in Deutschland zu berufen. Und der -Zentralverein hat auf seinem Delegiertentag an: 29. grundsätzlich seine Zustimmung zu einem Kongreß ausgesprochen. welche Stellung nimntt die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland zu der Kongreßsrage ein? Die- Kundgebungen des Verbandes der Deutschen Juden und des Zentralvereins werden von den Zionisten gemeinhin als Kundgebungen des „religiös-liberalen Assimilationsjudentums" hingestellt (Jüdische Rundschau Nr. 32). Ge gen eine solche-Unterstellung müßte der Zen tralverein, auf den speziell dieser Ausdruck gemünzt ist, sich wehren, weil der Zentral verein alle Richttmgen des deutschen Juden tun:s einschließt und weil er, als Verein, weder mit liberalen: noch überhaupt mit religiösem Judentum zu tunhat. Aber cuvch das wirklich religiös-liberale Indentun:, das in dieser Monatsschrift zu Worte komntt, muß gegen eine solche Irreführung der öffentlichen Meinung Einspruch erheben. Wie stellt sich das wirklich religiös-libe-

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