Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Seligmarm: Der jüdische Kongreß und das liberale Judentum 35 schlösse oder Neuordnungen gemeinsam berieten, wie auf dem Wiener Kongreß, ist der Name in neuerer Zeit von seiner diplomatischen Höhe Herab gestiegen und wird für allerlei internationale oder auch nationale Versammlungen wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und religiöser Art angewendet. Auf jüdischem Gebiet ist nicht erst durch die Zionisten-Kongresse der Name eingeführt worden, vor genau fünfzig Jahren tagte in Budapest der ungarische „israelitisch Kongreß", dessen Geschichte für uns lehrreich sein sollte. Als nach der Niederlage Oesterreichs j866 Ungarn selbständig geworden war, nahm der Uul^sminister Lötvös auch die Regelung der jüdischen Angelegenheiten in die Hand. Lr berief «eine Konferenz jüdischer Notabeln, die die Einberufung eines aus allgemeinen Wahlenhervorgegangenen „israelitischen Kor^resses" beschloß. Trotz heftiger Wtderstärcke von 'seiten der intransigenten Orthodoxie kam der Kongreß zustande. Lr wurde zum wüsten Schauplatz leidenschaftlich erregtes Kämpfe und führte zum Lxodus der UÜra-Grthodoxen und zur Spaltung des ungarischen Irrdentums in die Kongreßpartei, die Alt-Orthodoxie und die Ltatus quo antepartei. Yestigia terrcnt. Was nicht znsaminengehört, sollte nicht durch künstliche Kompromisse zusammengekittet werden. Geschieht es dennoch, so wird der Bruch größer als zuvor.. Wer nicht wie Ruth zu Noemi sprechen . kann: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen", der soll den andern seines Weges gehen lassen und selber seine Straße ziehen. Jedes wirkliche Zusammengehen wäre ja nur möglich mit der Selbstaufgabe des einen oder arideren o,eils. Der jüdische Kongreß in Deutschland, dem verschiedene außerdeutsche Kongresse der Juden vorangegangen sind, ist eine zionistische Idee. Lr ist gedacht als Vorbereitung zu einem jüdischen Weltkongreß, der eine großzügige Organisation des Nationaljudentums ror&ercitcn soll. Line ungeheure Propaganda bei jung und alt soll diesen Kongreß zu einer gewaltigen Heerschau des nationalen Judentums werden lassen. Nach dem Willen der Ziouisten soll „ihr" Kongreß neuen kvind in die Segel des deutschen Zionismus wehen. Zu diesem Zwecke lassen sie sich gerne die freiwillige Heeresfolgr der nichtzionistischen Juden gefallen. Sie jprderten zuerst für die Zulassung zu „ihrem" Kongreß das Bekenntnis zum jüdöfchen Volke. Jeder in Deutschland leb erde Jude sollte willkommen sein, wenn arLers er ein B e k e n n t - nis zum jüdischem Volke ablegt.' Mit diesem BeLnntnis zum jüdischen Volke ist es eine eigme Sache, Hundertmal haben deutsche.Rabbiner auf der Kanzel vom jüdischen Volke gesparZchen und hätten dennoch niemals ein BMenntnis zum jüdischen Volke inr Sinne der Gbnisten abgelegt. Wendelssohn hat an irgend einer Stelle einmal gesagt, der meiste Stvüt unter den Wenschen könnte vernneden weiden, wenn sie sich zuvor über die Bedeuttug der Worte, die sie gebrauchen/ geeinigt hätten. Die Zionisten verstehen unter jüdischem Volk eine nationale Gesamtheit, ebenso oder ähnlich wie die Deutschen, die Kanzosen, die Bulgaren und Serben ein Volk sind. Jene Rabbiner aber, die auf der Karmel von einem jüdischen Volke reden, verstchon darunter eine relig i ö s e und historische Schicksalsgemeinschaft. Schon Saadia hat in diesem Sinne ausgesprochen, daß unsere Nation nur durch ihre Tehre eine Nation j'dL Wan kann also entschiedener Gegner des nationalen volksbegriffes sein, man lam sich national als, Deutscher fühlen und sich dennoch zum jüdischen Volke bekennen. So kann also ein Bekenntnis zürn jüdischen Volke das eincmal ein Gegensatz zum BekennLns zum deutschen Volke sein und das anderem! braucht es durchaus kein Gegensatz zu fein. Von diesem Gesichtspunkt aus ist eke- Aeußerung Wartin Bnbcrs zu verstehen. Bei einer öffentlichen Kundgebung der letzten- Zeit hat dieser den Ausspruch getan, der Zionismus könne nur mH denjenigen zusainmrngehen, die das Primat des Judentums xxzc dem Deutschtum anerkennen. Ihm hat Rrbbiner Dr. Goldmann mit Reclst erwidert, d^ von pritnat nur bei homogenen Begriffen die Rede sein könne. Wem IudenMm ReliZion bedeute, bei dein könne von einem ZuÄsxalt zwischen deutsch und jüdisch, also auch von einen: primat, keine Rede sein. Wir Deutsche Nicht-Zionisten sind Deutsche als voK und Juden als Reli gion und empfinden deutsch und jüdisch so wenig als Gegensatz, wie die Christen deutsch undchristlich als Gegensatz enrpsinden.