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Liberales Judentum · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 30

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 30 (sequence 14)
Language
German
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30 Henriette §ürth: Iildentum und Sozialismus vierfachen Zeit. Ebenso lassen sich künstlerische, bildnerische oder sonstige schöpferische Leistungen nicht auf das Prokrustesbett des Schemaentgeltes bannen. Gder das Lrfinddungswesen. Der für sich und aus sich heraus sck>rffende Erfinder must schon darum immer seltner werden, weil ihm das Material zum Experiment zumeist nicht in unbeschränktem Maße zur Verfügung steht. Die Erfindung ist längst zur 'Betriebssache und zum Betriebseigentum geworden. So u?ie es in jedem großen Betrieb ein Kalkulations-, ein Lohn-, Lüro ic. gibt, gibt es Konstruktions- und Erperimentalabteikungen. Ihnen fällt die Fortentwicklung der Betriebs- und j)roduktionstechnik zu, ihnen das Amt zu erfinden. So war das Salvarsan Präparat 606, und der glückliche Hersteller dieses Präparates. hat ebensosehr mit eigenen Gedanken wie mit dem können derer experimentiert, die die 605 voraufgegangenen Präparate hergestellt hatten. Nichtsdestoweniger wird dem glücklichen Finder des Schlustgliedes einer solchen Lrperimen-- talkette eine entsprechende Anerkennung, die. heute, noch in Geld, später hoffentlich in Forn^ der Ehrungen erfolgt, die ein freies und aufrechtes Volk zu vergeben hat. Jedenfalls kann aber — und 'das ist es, worauf es inr Zusammenhang unserer Sonderfrage ankommt — auch der sozialistische Betrieb seine geistigen und schöpferischen Arbeiter genau so gut entlohnen und so sicher stellen, wie es der privatwirtschaftliche getan hat. So braucht auch in der sostalisierten Wirtschaft auf das Agens des Eigeninteresses nicht verzichtet zu werden, so lange diese Triebkraft als unentbehrlich erscheint. Endlich das Dritte, das erst eine Folgeerscheinung des sozialistischen Staates sein wird, das aber trotzdem die erste Stelle einer programmatischen Verdeutlichung darum einzunehmen hat, weil erst durch seine Durchführung die Voraussetzung einer gedeihlichen Entwicklung von { und 2 geschaffen wird: Entwickluilg der Eigenart, Erschließung der Eigenkraft? 2TTi{ anderen befürchtet Lewkowitz von der sozialistischen Gesellschaft das gerade Gegenteil: die Ausschaltung und Knterdrückung der Eigenart, die Opferung der Persönlichkeit. Das ist seltsam. Sozialismus ist die Voraussetzung und die beste Stütze des' Individualismus. Individualismus ist Entwicklung und Auswirkung der Eigenart. Eine Eigenart ist allzeit im Individuum .nur im Keime vorhanden. Sie muß sich daraus entwickeln, muß wachsen und werden. Das alte System hat gerade hier versagt. Ls hat die Eigerrart in Erziehung und Leben ausgefchattet und unterdrückt. Einmal durch das.Prinzip der schlechthinigen Abhängigkeit und kritiklosen Unterordnung unter das Staatsgebot, das nian treffend als den Geist von Potsdam bezeichnete und das nirgends stärker zum Ausdruck kam als in Schule und Erziehung. (Es ist zu vermuten, daß die unsagbare Zuchtlosigkeit, Verwilderung und Verwirrung der Ulenge, daß die sinnlosen Greueltaten entfesselter Banden nicht nur eine Folge von Kriegs- und Hungerpfvchose, sondern ebenso eine Folge der in Erziehung und Leben obwaltenden Versklavung der Vorkriegszeit ist. „vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Manne erzittre nicht.") Zum, andern wurde früher eine fachgemäße Erschließung und Entwicklung der Eigenart und der geistigen Kräfte und Fähigkeiten dadurch hintaugehalten, daß nur bcm Begüterten die Bildungswege in uneingeschränkter Fülle offen standen. Hier will der Sozialismus Nauru und Licht schaffen. Gleichheit der Lebensvorausfetzungen ftir alle, Gleichheit der Erziehung und Bildung. Freie Bahn für den Tüchtigen. Auf dem Grund dieser für alle übereinstimmenden Möglichkeiten mag sich die Eigenart entfalten. So wird Sozialismus die Wiege des Individualismus, der jDersönlickjkeitsbilduug. Gerade das Judentum, dem von Halls aus ein so starker fokaler und demokratischer Einschlag eignet, magberufen sein, in der neuen Welt, die sich da gestalten will, Führer und Festiger 511 sein. So schließen Judentum und Sozialismus grundsätzlich einander nicht nur nicht aus, sondern sie bedingen einander so sehr, daß eine restlose Verwirklichung der sozialistischen Absichten eine 2luferstehung der besten Inhalte des Iudentumss bedeuten würde.

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