Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3126481-3126593-3126595--2451-3129304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
28 .. Henriette Furth: Judentum und Sozialismus meindegefchäften ein regeres Leben in der Gemeinde selbst einsetzer: wird, daß das, was wir liberalen Juden seit unserem Zusammenschluß von jeher erstrebten, ein veranziehen der Gleichgültigen und Lauen, gefördert werden wird. Irr richtiger Erkenntnis der Sachlage und in weitblickender Voraussicht für die Zukunft 'sagt verr Rabbiner Dr. Selignrann: „Gerade die liberale Richtung des Zudentunrs muß in weitestgehender Meise die Heranziehung der Frau zu allen jüdischen Gerneindemigelegenheiten anstreben, um alle brachliegenden Rräfte für die großen Zukunftsaufgaben mobil zu machen." Zn diesem kernigen Satze liegt unser ganzes Programm, sind unsere ganzen Forderungen enthalten. Ihnen können sich einsichtige Männer-, mögen sie der sogenannten Frauenfrage gegenuberstehen wie sie wollen, nicht verschließe^; sie werde,: den Fähigsten und Besten von uns den Platz an ihrer Seite bereitwillig einräumen. Denn wäre dein nicht so, man müßte sich unwillkürlich des beißenden Mortes von Marie Ebner-Eschen-' bach erinnern: „Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer!" Rein, dieser Satz soll nicht mehr zu Recht bestehen, auch für die Frau gilt das jetzt so populäre Zitat: Freie Bahn dern Tüchtigen! Mir Frauen haben in Jahren schwerer Rriegszeiten gezeigt, was wir leisten können, wir wollen gerade beim Neuaufbau unseres jüdischen Gemeindelebens nicht untätig zur Seite stehen, wir wollen unsere besten Rräfte einsetzen für das Mohl des Ganzen, dern Morte des Dichters folgend: Immer strebe zun. Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an! Judentum und Sozialismus. Von Henriette Fürih-FranKfurl a. M. us dern Iudcntunr läßt sich ein politisches Programm nicht ableiten." Mit diesem sehr begrüßenswerten Satz nimmt Dr. Lewkowitz (vgl. die Iarruar-Februar-Nummer) den für uns Juden einzig rnöglichen Standpunkt zu der Neuordnung des politischen und und sozialen Gebens ein. Diese Feststellung umschließt ein anderes: Menn wir als Inden nicht auf eine bestinunte Meltanscl>auung oder politische Entscheidung verpflichtet sind, so haben wir das Recht und die Pflicht von anderen Gesichtspunkten her Stellung, zu den heute gegebenen staats- und wirtschaftspolitischen Problemen zu nehmen. Dern entspricht auch die Tatsache, daß sich Juden als überzeugte Anhänger in allen politischen lagern finden. Darnit wäre eigerrtlich die Frage in der einfachen Meise gelöst, daß Iudenturrr und Sozialismus als nicht miteinander vergleich- oder rrreßbare Größen, deren Mege sich nirgends schrreiden, nebeneinander herlaufen. Ich rnuß sagen, daß ich die Dirrge auch irnrncr so angesehen und es deshalb abgelehnt habe, rnich über die Frage: „Iudenturn und Sozialismus" oder „Judentum und Revolution!" zu äußerrr. Eine sittlich verankerte Einwirkung des. Iudentunrs auf das politische, soziale und wirtschaftliche Leben könnte höchstens daraus gefolgert werden, daß der tragende auch vom Christentum übcrnonnnene Satz des Iudentrrrrrs: „Liebe deirren Nächster: wie dich selbst!" in die Richtung des Sozialisn::^, ja darüber hinaus in die des Kommunismus weife^ Und eir:e irmerc Verwandtschaft zwischen Iudenturn ::r:d Sozialismus ist auch darin zu erkermen, daß die Einrichtung des'Jubeljahres rmd des Zehnten ein Zermnis tiefeindringender sozialer Erkenntnis und starken sozialen Pflichtgefühls ist. Dasselbe gilt von den: % Gebot, in dem es.heißt: „Da sollst du keinerlei Arbeit verrichten, weder du selbst, noch . . . dein Ru echt oder deine Magd oder der Fremdling, der in deir:er: Toren weilt . ." Nach -alledem ist es auffallend, wem: Lewkowitz in den tragenden Prinzipier: des Sozialismus einen grundsätzlichen Gegensatz zurr: I::der:t::,n erkennen will. Indessen wird es bei näherem Zusehen deutlich, daß er zu dieser Auffassung nur auf Grund einer unzutreffenden Vorstellung vorn Meson des Sozialisrnus urrd insbesorrdere der Sozialisierung