Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 25 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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25 Dr. Goldmym,: Glaube und Tat Ohne Gottesglauben gibt es nun einmal kein Judentum! Die Tattendenz nimmt ihren inneren Zwang, den sie auf die -Seele ausübt, nur aus der Sicherheit in Gott. Das gilt von der heroischen Tat, die im Sturme Neues schafft, das gilt von der stillen Tat durch die Erfüllung der „mizwo“, bes religiösen Gebots, das gilt von der leidenden Tat, der ausharrenden Gut-, fagung. Nur die aus diesem Geiste geborene .Tat ist wirklich altruistisch, nur sie ist jüdisch. Jede Tat aber, die aus dieser Quelle gespeist wird, mag sie sich auch auf die profansten Dinge der Welt beziehen, ist wiederuni religiös! So ist das Judentum weit eher die Religion des Glaub ens als das Christentum! Bei diesem ist der Glaube noch so sehr im unsicheren Werden, daß er in übertriebener Schärfe gefordert und immerwährend betont werden muß. Beim Judentum ist er so selbstverständlich, daß man von ihm nicht zu reden braucht. Gr war selbstverständlich! So mannigfaltig das Erhebende der jüdischen Geschichte in Erscheinung und Ziel sein mag, so einheitlich ist es im Ouell seiner Kraft. Der überschäumende Heroismus der Verteidiger des zweiten Tempels und der Anhänger eines Bar Kochba kündet ebenso von starkem Glauben, wie das trotzig - sichere 2Tüäiv tyrertum des Mittelalters. Und in gleicher Stärke spricht er aus dem leben der Millionen, die ihr lefccti scheinbar ohne Grund und Ziel der Thora und dem Talmud weihen. In den mystischen Bewegungen — der Chassidismus unterscheidet sich vom historischen Judentum nicht in der wirklichen Innigkeit, sondern nur in der Auffassung und dem Bewußtsein des Glaubens — steigert er sich fast zur Extase, und wo er schwindet, sinkt das Judentum in sich zusammen. Die Abhängigkeit der Tat von der höheren Macht wird offenbar. Der Glaube war selbstverständliche "Grundlage der jüdischen Kraft. Er ist es nicht mehr! Und hierin allein dürfte die Erklärung für die Entwicklung liegen, die das Judentum des Westens im neunzehnten Jahrhundert genonnnen hat. 21üt gelehrt eindringendem Scharfsinn sind die Ursachen des Derfalls untersucht worden, und doch ist man an der Oberfläche geblieben. Weder trägt die Emanzipation mit ihrer Kulturassimilation, die heute in der rational - jüdischen Publizistik die Würde des Mügelknaben einnimmt, die Schuld, und noch Weniger die ^Entnationalisierung", der vieldmtige unbestinmite Begriff, der zwar viel ziiirrt wird, bei dem rnan sich aber wenig zu Denken verrnag. Das Tatjudentum sank in sich zusammen, weil der Glmube schwand, der innige, gefestigte und selbstsichere jüdische Glaube. So wenig bss mit der Assimilation zusammenhing, — dmn kultürassimilatorisch ist das Judentum von jeher gewesen —. so sehr lag es gewiß in Der Zeit, in jener aufklärerischen religionGÜndlichen Schattierung des Rationalismus, dar der geistige Vater der ' französischen Revolution ist. Und daß im Judentum ihre Wirkungun fast katastrophal wurden, lag an dem weiftn des jüdischen Glaubens, der in seiner schlichten Einheit nur Ablehnung oder Anncchme zuließ. Jede andere Religion, bei der das Glauben eine werdende Erscheinung war, komrdeKomproinisse schließen und sich 'behaupten. Ms Iudentmn konnte es nichts Seine grandiose Einsamkeit, das Fertige seines Systems ließen nur ein „entweder- oder" zu. Das neunzehnte Jahrhundert ist angefüllt mit versuchen, Den: verfall entgegenzutreten. liberalisimrs und Neuorthodorie haben wohl empfundm, wo der Sebel anzusetzen war, Diese lhrt versucht, den alten Glauben, der dem Gmrüt fremd geworden war, .auf dem Wege eines logischen Systems schmackhaft zu machen, jener hat aus denr Glaubenssystem einseitig den Glauben an die Zukunft derMenschhest hervorgeholt und unterstrichen, hat gleichfalls die leere der Seele, der das religiöse Gefühl geschwunden war, mit verstandeserwägurgen auszufüllen versucht. Blieben beide n§ch auf jüdisch-religiösem Boden, so hat dar Nationalismus unter dem Einfluß der politfchen Weltentwicklung - den Glauben an das Wische Volk gepredigt, gleichfalls einen Ersatzfür den schlichten persönlichen Gottesgla^en, der sich aber von wirklich jüdischer Anschauung weit entfernte. So ungebärdig sich nur auch die Richtungen benehmen mögen, so fthr sie darauf pochen mögen, im Besitze des echten Ringes zu sein: das historische Tatjudartum ist nicht vorhanden, es ist mit dem Mauben verschwunden. Wäre dem nicht so, gäbe es keine Parteien im Judentum. Opfer Werden gewiß gebracht,