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Liberales Judentum · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 24

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 24 (sequence 8)
Language
German
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-24 Dr. Goldmaim: Glaube und -Tat rüng gefunden. Taten kann man von zwei weiten her werten. Man kann sie zählen und ihre Wucht messen, man kann aber auch Richtung, Stärke und Zielfreudigkeit aus ihrer Seele erklären. Mer die Erscheinungen naturwissenschaftlich betrachtet und registriert, kann' wohl zu Bubers Meinung kommen: Und da das verhältnismäßig leicht ist, konnte es oft geschehen. Sucht man -jedoch die jüdische Tat ihrem Ursprünge nach zu erfassen, und das ewig Belebende, das Richtunggebende und Ausharrende in ihr zu finden, so stößt man bald auf Aräfte, die das Urtümliche dieser Beurteilung der Tat klar erweisen. Daß nämlich über das Verhältnis von Tat und Glaube im Judentum sehr zugunsten der Tat geurteilt werden kann, liegt im letzten Grunde an der Häufigkeit, mit der beide. Erscheinungen in unseren geschichtlichen Urkunden erwähnt werden. Gewiß ist auffälligdaß von der Notwendigkeit des Glaubens oder gar von ihm als dem Endzweck religiösen Strebens kaum die Rede ist, wohingegen die Erfüllung der religiösen Pflicht die eigentliche menschliche Aufgabe darstellt. - Gewiß ist nirgends gesagt oder gemeint, daß Glauben allein selig mache. Ueber'die zentrale Stellung des Glaubens im religiösen System, über seinen grundlegenden Charakter kann das aber keineswegs hinwegtäuschen, zuinal die Erklärung für diese Erscheinung nicht so schwierig ist. Die besondere und auffällige Betonung des Glaubens in einem religiösen System ist nämlich davon abhängig, ob der Inhalt des Glaubens zu Miderspruch und Zwiespalt Anlaß gibt. Solches aber geschieht nur dort, wo die Forderungen des Glaubens verwickelt, wo sie in sich widerspruchsvoll sind und wo sie der Anschaulichkeit entbehren oder gar den Ergebnissen von irgendwelchen Missensgebieten direkt widersprechen. Das war im Judentum nie der Fall. Die Gebote des Glaubens schlossen sich zu einem klaren und einheitlichen System zusammen, über dessen Einzelheiten inan nicht streiten konnte. Es war nur als Ganzes a nz u n e h m e n oder a b zu lehnen. Jeder Teil war so in das Ganze ein gefügt, daß 'ein Herausnehmen den ganzen Bau zum Einsturz gebrächt hätte. Zudem bot die Glaubenslehre kritischen Verstandeseinwendungen wenig Anhaltspunkte; auch hier drängte sich sofort die Notwendigkeit einerklaren Entscheidung auf, der Wahl zwischen glatter Annahme oder völliger Verwerfung. So blieb das Judentum von Glaubensstreit und Sektenbildung verschont, von unfruchtbarer Negierung einzelner Teile des Systems, die unfehlbar — als Reaktion — das Glauben an die bestrittenen Teile und daniit das Glauben arr sich zum Selbstwerk erhoben und die religiöse Arbeit sich darin hätten erschöpfen lassen. Der Glaube hatte im Judentum es niemals nötig, sich selber 'zu begründen und zu verteidigen. Das Glauben war niemals der Gegenstand des religiösen Bewußtseins, sondern stets seine Grundlage! Das Judentum war eben weiter in der Entwicklung fortgeschritten als alle anderen Religionen. Diese blieben meist in Glaubenskämpfen stecken und perzehrten sich darin, den festen Untergrund des Glaubens zu erbauen. Weil das Judentum den hatte, konnte es zur Religion der Tat werden! Nur darum! Und nur solange, als diese kostbaren Grundmauer n u n a n g e t a st e t w a r e n! Das wahre Verhältnis von Lat und Glauben ist geradezu eine Umkehrung der Meinung, die den Ausgangspunkt dieser Betrachtung bildet. Nur darmn und. nur dann kann das Judentum Tatreligion sein, wenn es jenen unerschütterlichen Glauben hat, der nicht fragt, nicht zweifelt und nicht deutelt, sondern in sich gewiß ist. Er speist die Tat mit vertrauen, Rraft und Ausdauer. Das Judentum ist darum eine Religion des Glaubens, sie steht und fällt mit i h m! Und jede Tat die nicht im Glauben wurzelt, ist nur von wert für die Zeit. Sie fügt sich in die ewige Bestimmung des Gottesvolkes nicht ein. Die volksti'unliche Meinung, die auch Buber vertritt, verwechselt Inhalt und Form, Gestalt und Intensität. Das Glauben im Judentum ist nicht weitverzweigt, und es bedarf nicht vieler Morte, uni sein Gebiet festzustellen. An Tiefe und Innigkeit ist es aber unermeßlich.'; So ist das Judentum nur formell'^ als Tatreligion anzusprechen. Es ist jedoch ' die einzige Religion, die wirklich den Glauben zum M i t t e l p il n k t hat, darum . steht die Tat in der allen sichtbaren Peripherie. Im Tbrislentum liegt aber das Glau b e n an der Peripherie, und die Periode der echten Tat steht noch weit im Felde.

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