Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Ist das Judentum ein Problem Politik und erhofft 'von ihr die endliche Krönung ihres Werks: Die Schaffung eines starken Volkes auf eigenem Väterboden. wenn ich mit ihr die zweite Richtung vergleichen soll, so möchte ich sie — nicht im Gegensatz zum politischen Nationalismus, sondern neben ihm — den ethischen Nationalismus nennen. Für ihn ist die gesauste Politik und aller Nationalismus nur Wittel zur Menschheiterhebung. Lin Volk muß frei, stark und rein sein, um die Weihe zur Heiligung der Welt zu besitzen. Heiligung der Welt Ist der Grundgedanke eines Nationalismus, wie ihn Buber — wie Achad Haam ihn verkündet. Und es ist ein jüdischer Nationalismus, denn er will die Heiligung nicht durch Lrhebung und' Vertiefung allgemeiner Kulturwerte bereiten, sondern durch Lntflammung des gottverbindendsten Gefühls, dessen die Menschenbrust fähig ist, der Religion. Der Funke, der am brennenden Dornbusch in Moses Seele fiel, der zur gewaltigen Flamme anschwoll im-Feuerherde der Prophetenherzen, der Messias - Verkünder und Baale-Schem, er soll ein welterfüllendes Licht werden in den reinen fänden des jüdischen Volkes. Daß das Reich von Priestern, das heilige Volk eine Wirtlichkeit werde, daß. die Lrde voll werde von Gotteserkenntnis, wie Wasser die Tiefen bödecken, um dies herbeizuführen verkündet das Nationaljudentum: kehrt heim in eurer Väter Land, wascht eure Seelen mit dem Schweiß eurer Arbeit, stärkt die Kerzen mit der Kraft eurer Scholle! -- Ls liegt mir fern, zu entscheiden, welche dieser beiden Richtungen wertvoller sei. Ls gibt immer Menschen, die das Nahe -vor dem Fernen erblicken.^ Ls gibt immer 'Menschen, die weite über dem Nahen leuchte sehen. Beide wirken im Rainen des Weltgeistes. Sie sind seine Werkzeuge, dienen seinen höchsten Ab sichten. ' Lin Werkzeug der Menschheit - Vervollkommnung will auch die religiöse Bewegung des liberalen Judentums sein. Sie unterscheidet sich von dem ethischen Nationalismus durch den Weg, den sie zu ihrem Ziel erwählt hat. Das sollte mehr beachtet werden, als es geschieht. Das ,/liberale Judentum" nahm bisher nicht nur eine abwehrende, sondern direkt feindliche Haltung gegen das Nationaljudentum ein. Ls wird aber nicht imstande fein, eine Bewegung, die mit elementarer Gewalt die Seele der jüdischen Masse ergriffen hat, einzudämmen. Der Kampf g e g e n den Z i o.n ismus i st u n f r u ch t - bar und b ind et Kräfte, die zur positiven Arbeit am Judentum besser verwendet würden. * ' Der Zionismus beschränkt sich dem liberalen Judentum gegenüber mehr auf Abwehr. Aber er sieht mit einiger Geringschätzung auf es als ans eure'Bewegung, die es nicht verstanden habe, die deutsch-protestantische Form mit reinen jüdischen Inhalten zu füllen. Darin hat er recht und unrecht zugleich. Der jüdische Protestantismus war von feiner Lntstchung an nicht mit dem Geiste' religiöser Inbrunst erfüllt, wie die deutsche Reformation. Die ihn vertreten, hatten wohl Luthers klaren, kritischen Verstand, aber nicht sein heißes,. gotterfülltes Herz. Sie reformierten, schufen aber keine Reformation, weil der Widerhall . der Massen ihrem Werk fehlte. wiederum ist es nicht zu leugnen, daß das ,.Liberale Judentum" sich im letzten Jahrzehnt verinnerlicht hat und j ü.d i s ch e r geworden ist. Ich betrachte die Schaffung der Richtlinien als einen Fortschritt. Vrrbodore und Zionisten haben über sie gespöttelt. Die Richtlinien wollen weder eine Grenze sein: was rechts davon ist, ist orthodor, was, links steht, ist liberal — noch wollen sie einen Koder darstellen. Vielmehr gibt sich in ihnen nur der Wille kund, die modernem Lmpfinden nicht widersprechende Form mit jüdischen Inhalten , zu füllen. Das „Liberale Judentum" ist sich wohl -bewußt, daß nur der heiße Atem der Gläubigkeit seine Richtlinien zu.beseelen vermag. Noch ist.irr den Reihen der Liberalen ein Sehnen und Suchen nach dieser Gläubigkeit. Ich kenne viele Juden — gehöre selbst zu ihnen — die nur aus Freude an . der Schönheit der Form, aus pietätvoller Anhänglichkeit und aus religiösem wollen sich aus deu Boden der Richtlinien stellen. vielleicht ersteht aber einst auch ihren Reihen der gottersüllte Führer, der, tiefer religiöser Inbrunst voll — ein jüdischer Reformator —, das „Liberale Judentum" mit dem reichen Leben der Religiosität erfüllt, ein Führer, der auch eine Gemeinde, eine begeistertbingegebene Masse hinter sich hat. Dann kann es von dem Nationaljudentum nicht mehr übersehen werden. Dann ist auch die