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Liberales Judentum · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 21

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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21 Ist das Judentum ein Problem r beiße religiöse Inbrunst bei uns liberalen Juden, bei Zehntausenden,' die sich nur so nennen, um ihren Jndifferentismus oder ihre Unkraft zum Glauben damit zu verdecken? . Die Zwiespältigen, die zerrissenen unter den Juden sind gleichzeitig die Nnreligiösen, die Fremdlinge, sie, die weder im 'Lümmel noch auf der Erde eine Heimat haben. Ls ist aber nicht von der Hand zu weisen, daß sie — wenn sie einen positiven ^ebensgehalt finden (sei es der nationale oder der religiöse) —- die Ganzen, die starken und schöpferischen von morgen sein werden. — Martin Buber nennt das Judentum ein polares Phänomen. In keiner anderen Geineinschaft ist solch ein Reichtum krassester Gegensätze zu erkennen. Hohes und Niederes, Tiefes und Flaches, Gutes und Böses — tiefste Inbrunst des Gottschauens und verknöchertste Buchstabenreligion — all das ist mit harter Gegensätzlichkeit im Judentum vorhanden. 1 Nicht nur im Judentum, im einzelnen Juden selbst. „Reiner weiß wie er, was es heißt, durch sich selbst versucht zu werden." Iu^en und Nichtjuden haben zu allen Zeiten diese Gegensätzlichkeit erschaut. Es braucht nur an die beiden klassischen Beispiele von Iudendarstellung, an „Shvlok" und „Nathan der weise", erinnert zu werden. Für Martin Buber und alle, die sich zu seinen Gedanken bekennen, ist diese Polarität das Urelement der jüdischen Religiosität. Der in die Entzweiung von Gut und Böse ge-, fallene Mensch sehnt sich nach der Einheit . zurück, die im täglichen §eben durch die Unbedingtheit des Tuns, durch die ^oslösung von kleinlichen Zielen und Zwecken — in der Sprach des Lhassidismus: durch die Heiligung jeder, auch der alltäglichen. Verrichtung, erreicht werden kann. Aus der Sehnsucht nach Einheit entstand das Pathos der Propheten und die Religiosität der p\aU nnsten, entstanden die urjüdischen Bewegungen des Thristentums und des Thafsidismus, die in dem Gedanken einer Verwirklichung Gottes auf Erden gipfeln. Ich kann in diesem Zusanunenhange nicht einmal andeuttmgsweise Bubers Gedanken über das Judentum darstellen. Wem es ernst damit ist, das Nationaljudentum am Werk eines seiner - hervorragendsten Führer kennen zu lernen, der lese die „Drei Reden über das Iudentunl" oder den Aufsatz über „Jüdische Religiosität" in dem Buche „Born Geist des Judentums". Er wüd erkennen, wie tief das Religiöse in der geifügen Bewegung, die Nationaljudentum heißt, verankert ist. Ja einem nicht unbedeutendem Teile der Bewegung ist es das wesentliche überhaupt. Ihm ist das Politisch-Nationale mur ein Mittel, die uralten religiösen SZuMen des Judentums, die im Wandel der äußrren Geschicke des Volkes verschüttet wurden, rcieder fließend zu machen, daniit „von Zion ausgehe die tehre und das Wort des Herrn von Jerusalem". Hier nun, und ich muß gestehen, daß mir nur um der folgenden Gedanken willen die Diskussion wichi» ertscheint, hier ist eine Bindung, die das Nationaljudentum mit einer jeden religiösen jiLÜschen Bewegung verknüpft, also auch nrft dem ,/liberalen Judentum". Ich weiß, daß ich in ein Wespennest greife. Tut nichts! Die Wespen werden sich auch wieder beruhMN. Immer wieder wird von den Gegnern des Zionismus die mur religiöse Aufgabe des Judentums betont. Das Judentum sei eine ReligionsgemeinschoW — viele sagen sogar Konfession und nennrn es gern in einem Atem mit den beiden christlLhen Bekenntnissen. Dem gegenüber steht die national-jüdische Weltanschauung, die das Judentum als Volk unter Völkern aufgefaßt wissen will, eine Gemeinschaft, deren natiomale Erinnerungen und Hoffnungen das Fundament einer starken nationalen Kultur im Rahmen der Weltkultur abgeben sollen. VL-vn kann nun innerhalb dieser Auffassung eure deutliche Scheidung machen zwischen Nationalisten, denen das Volk Selbstzweck im weitesten Sinne ist, und solchen, denen es das Mittel 511 einem höchsten Zweck des Weltwillens ist. Jene sagen: Des Volkes Zweck ist da zu sein. Die Tatsache seiner Existenz ist Grund genug zur Erhebung jeder nationalen Forderung. AberLv ist ein Selbstzweck im weitesten Sinne. Das Selbst soll ein vollkomnienes werden. Daher wird immer wieder betont: nationale Selbständigkeit um der Möglichkeit höchster nationaler Entwicklung willen/ (!)der — irus dasselbe ist: nationale Selbständigkeit um der Bereicherung der Welt willen! Diese Richtung ist entschieden politisch. Sie arbeiiket mit den Mitteln der

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